Was ist wohl die grösste globale Bedrohung: Atomkrieg, Aids oder wirtschaftliche Ungleichheit?
In einer Befragung des Pew Research Council unter Amerikanern und Europäern tippte die Mehrheit auf «Ungleichheit». Diese Antwort wurde häufiger gewählt, da die Ungleichheit angestiegen und in den Mittelpunkt politischer und gesellschaftlicher Debatten gerückt ist. Das Weltwirtschaftsforum nannte 2012, 2013 und 2014 «gravierende Einkommensungleichheit» als bedeutendstes globales Risiko. In diesem Jahr wurde die «wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit» zum prägendsten Faktor für die globale Entwicklung der nächsten zehn Jahre erklärt. Papst Franziskus nannte Ungleichheit «die Wurzel des gesellschaftlichen Übels» und die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard mahnte, wir müssten «Strategien finden, damit der tiefe Graben zwischen Arm und Reich nicht weiter aufklafft und der soziale Frieden nicht noch mehr strapaziert wird».

Ich selbst habe lange geglaubt, dass Ungleichheit nicht nur eine Herausforderung, sondern eine grosse Gefahr, ein folgenschweres Übel ist. Als ich aber mit zwei Kollegen von der psychologischen Fakultät von Yale, Christina Starmans und Paul Bloom, einen etwas genaueren Blick in die wissenschaftliche und philosophische Literatur zum Thema wagte, änderte sich das. Wie wir in einem Artikel darlegen, der kürzlich in der Fachpublikation «Nature Human Behaviour» erschien, entdeckten wir, dass, wenn man nur «Gleichheit» und «Fairness» begrifflich auseinanderhält, die Menschen Ungleichheit als solche durchaus nicht für falsch halten, sondern nur, wo sie mit anderen Faktoren wie Unfairness oder Armut verknüpft ist.

So ging etwa aus der Fachliteratur hervor, dass einige der für die Menschheit grundlegenden moralischen Urteile keineswegs der Gleichheit, sondern vielmehr der Ungleichheit den Vorzug geben. Beispielsweise gehen schon Kleinkinder davon aus, dass jemand, der im Rahmen einer Aufgabe Arbeit investiert hat, eine grössere Belohnung erhält als jemand, der keine Arbeit investiert hat. Fünfjährige, die alt genug sind, selbst Belohnungen zu vergeben, belohnen fleissigere Probanden grosszügiger. Mit zunehmendem Alter fällen Jugendliche immer durchdachtere Urteile darüber, wann und wie viel Ungleichheit aufgrund von Faktoren wie Leistung oder Glück angemessen ist.

Daneben fanden wir in der philosophischen Literatur Ansätze, wie etwa den des Princeton-Professors Harry Frankfurt in seinem Buch «Über Ungleichheit»: Danach ist der populäre Fokus auf Ungleichheit verfehlt. Obwohl viele globale Probleme mit Ungleichheit in Verbindung gebracht werden – etwa Armut oder unfaire Chancenverteilung –, ist nicht die Ungleichheit selbst das Problem. Um die Kraft dieses Arguments zu veranschaulichen, halte man sich die – relativ wie absolut – riesige Ungleichheit vor Augen zwischen einer extrem reichen Person, die sich einen Privatjet leisten kann, und einer nicht ganz so reichen Person, bei der es lediglich für eine Yacht reicht. Kaum jemand würde sich ob dieser Art Ungleichheit empören, weil nämlich Ungleichheit als solche nicht problematisch ist.

Die wissenschaftliche und philosophische Lektüre wirft die Frage auf, ob Menschen Ungleichheit als solche überhaupt verwerflich finden. Um diese Frage anzugehen, müssen wir, wie bereits angedeutet, zunächst sorgfältig zwischen «Gleichheit» und «Fairness» unterscheiden.

Gleichheit und Fairness unterscheiden

«Gleichheit» und «Fairness» meinen scheinbar Ähnliches, wenn nicht sogar dasselbe. Dabei trennt sie ein wichtiger Unterschied: angenommen, Sie und ich backen gemeinsam Kekse, bringen aber verschiedene Arten von Leistung ein: Sie sind ein Backexperte und arbeiten hart, damit wir möglichst viele Kekse produzieren. Ich bin ein Anfänger und lasse es, abgelenkt von meinem Handy, eher gemütlich angehen. Wie sollten wir unsere Kekse aufteilen? «Gleichheit» verlangt, dass jeder dieselbe Anzahl erhält, während «Fairness» gebietet, dass Sie mehr erhalten als ich.

Dank dieser Unterscheidung können wir die Welt unter dem Aspekt von fairer und unfairer Gleichbehandlung sehen. Weil ich weniger zu unserem Backprojekt beigetragen habe, wäre es eine unfaire Gleichbehandlung, wenn ich ebenso viele Kekse bekäme wie Sie. Dagegen wäre eine Aufteilung, die in Proportion zu unseren jeweiligen Arbeitsanteilen steht, eine faire Ungleichbehandlung. Wenn andererseits unsere Arbeitsanteile gleich gewesen wären, würde es eine faire Gleichbehandlung sein, wenn jeder dieselbe Anzahl Kekse erhielte. Jede andere Verteilung wäre unfaire Ungleichbehandlung.

Da der allgemeine Fokus oft auf Fällen von fairer Gleichbehandlung liegt, passiert es schnell, dass Gleichheit und Fairness verwechselt werden. Zudem wird oft auf Gleichheit statt auf Fairness fokussiert, weil erstere leichter herzustellen ist: Man muss bloss dafür sorgen, dass jeder dasselbe erhält. Fairness ist weit schwieriger. So können die Meinungen darüber auseinandergehen, welche Faktoren berücksichtigt werden sollen (Begabung? Bemühen? Glück?), wie sie gewichtet werden sollen und zu welchen Anteilen sie in einer bestimmten Situation präsent sind. Was wäre eine faire Aufteilung der Kekse, wenn Sie der talentiertere Bäcker sind, ich hingegen härter gearbeitet habe und hungriger bin? Und wie können wir Talent, Bemühen oder Hunger überhaupt quantifizieren?

Die Menschen bevorzugen Fairness

Trotz der Schwierigkeit zu bestimmen, welche Verteilung fair ist, glauben die meisten, dass auf gesellschaftlicher Ebene faire Ungleichheit herrschen soll und dass streng gleiche Verteilungen unfair sind, da sich Menschen in relevanten Aspekten voneinander unterscheiden.

Ich selbst zum Beispiel hege manchmal grossartige Träume davon, was ich alles erreichen könnte: Womöglich erfinde ich eine Substanz, die Gesundheit und Lebensdauer Tausender Menschen verbessert. Oder ich schreibe einen Roman, der Millionen begeistert. Manchmal sitze ich indes einfach nur entspannt vor dem Fernseher und tue weit weniger für meine Mitmenschen als das Ich meiner hochfliegenden Phantasien. Sollten mir dieselben Belohnungen winken – egal, für welchen Weg ich mich entscheide? Die meisten Menschen würden sagen: nein. Sie würden sagen, dass Menschen, die mehr zum Gemeinwohl beitragen, von der Gesellschaft mehr zurückerhalten sollten. Man könnte hier das Konzept der «Unverdientheit» ins Spiel bringen («es wäre ungerecht, einen grossen Beitrag unterzubewerten»), oder das der Motivation («eine hohe Belohnung für einen grossen Beitrag motiviert jedermann, einen grossen Beitrag zu leisten»).

Wie viel sollten die Einkommensstärksten im Vergleich zu den Einkommensschwächsten verdienen? Wenn man fragt, wie viel «die reichsten 20 Prozent» im Vergleich zu «den ärmsten 20 Prozent» bekommen sollten, rangieren die Antworten typischerweise zwischen «dreimal so viel» und «50mal so viel».

Die Welt ist auf unfaire Weise ungleich

Ist der Grad von Ungleichheit in der Welt fair oder unfair? Stimmt er mit der allgemeinen Ansicht darüber überein, welcher Grad von Ungleichheit ideal sei?

Der gegenwärtige Grad von Ungleichheit in der Welt ist hoch – viel höher, als die meisten Menschen vermuten. So hat etwa Oxfam kürzlich geschätzt, dass die acht reichsten Menschen genauso viel haben wie die ärmsten 50 Prozent auf diesem Planeten. Eine Gruppe von acht Leuten verfügt also über dieselben Mittel wie eine andere Gruppe von etwa 3 500 000 000 Menschen.

Nun ist es aber ein gewaltiger Unterschied, ob einer sagt: «Es ist falsch, dass du 10 000mal mehr verdienst als ich», oder ob er sagt: «Es ist falsch, dass du mehr verdienst als ich.» Mit anderen Worten: was die Menschen empört, ist nicht, dass einige mehr bekommen, sondern dass sie so viel mehr bekommen. Und was sie empört, ist nicht, dass einige weniger bekommen, sondern dass sie so viel weniger bekommen und dass sie womöglich nicht einmal ihre Grundbedürfnisse stillen können. Um zu unserem Beispiel zurückzukehren: Ich sollte weniger als die Hälfte der Kekse erhalten, aber doch mehr als nur einen Krümel – genug jedenfalls, um nicht zu verhungern.

Fairness ist besser für alle

Dieser Fokus auf Fairness mag denen von Vorteil erscheinen, die (ziemlich viel) mehr bekommen, denjenigen aber von Nachteil, die (ziemlich viel) weniger bekommen. Es lässt sich etwa denken, dass jemand, der mehr zu einer Arbeit beiträgt (zum Beispiel Sie in dem Keks-Beispiel), sich für eine faire Verteilung stark macht, während ein anderer, der weniger beiträgt (zum Beispiel ich in dem Beispiel), für gleiche Verteilung plädiert. Einerseits ist das sicher richtig: Menschen greifen zu den Argumenten, die ihren Interessen dienen.

Auf lange Sicht jedoch ist Fairness besser für alle und zudem besonders wichtig für den, der weniger erhält. Um das zu verstehen, denken wir uns eine Variation des Keks-Beispiels, in der Sie (der Backexperte) wählen können, ob Sie lieber mit Alice (ebenfalls Expertin) oder mit Zelda, einer hochmotivierten Anfängerin, Kekse backen möchten. Aufgrund der unterschiedlichen Qualifikation von Alice und Zelda würden Sie mit Alice 20 Kekse produzieren, mit Zelda nur 14.

Stellen Sie Ihre Wahl nun einmal in den Kontext einer Welt, wo jeder gleiche Verteilung, und dann in den einer Welt, wo jeder faire Verteilung fordert:

Gleiche Welt: bei gleicher Verteilung profitieren Sie am meisten, wenn Sie sich für Alice entscheiden (jeder erhält 10 Kekse) statt für Zelda (jeder erhält 7 Kekse). Sie werden sich also vermutlich mit Alice zusammentun, die somit 10 Kekse erhält, und nicht mit Zelda, die somit leer ausgeht.

Faire Welt: bei fairer Verteilung können Sie mit jeder der beiden zusammenarbeiten, ohne einen Nachteil zu haben. Sie haben die Wahl zwischen fairer Gleichheit mit Alice (10 Kekse für jeden) und fairer Ungleichheit mit Zelda (10 Kekse für Sie und 4 für Zelda).

Während Ihr Resultat in der gleichen wie in der fairen Welt dasselbe wäre, insofern Ihnen beide mindestens eine Möglichkeit bieten, 10 Kekse zu erhalten, sollte die Anfängerin Zelda stark zur fairen Welt tendieren, insofern sie dort die Chance hat, Teil eines Teams zu sein, anstatt immer links liegengelassen zu werden.

Natürlich haben wir in Wirklichkeit nicht die Wahl zwischen einer gleichen und einer fairen Welt. In keiner grösseren Gesellschaft herrscht vollkommene Gleichheit oder vollkommene Fairness. Doch welches der beiden Modelle repräsentiert das Ideal, nach dem wir vergeblich streben? Fairness besitzt viele Vorteile gegenüber Gleichheit – etwa, dass faire Märkte Menschen motivieren, mehr zum Gemeinwohl beizutragen. Noch zwingender ist indes die Annahme, dass Gesellschaft einfach nicht anders funktionieren kann. Diese Annahme greift zurück in unsere evolutionäre Vergangenheit, ist aber noch offensichtlicher in modernen Ökonomien.

Mit Blick auf unsere Stammesgeschichte erklären Biologen die Attraktivität von Fairness mit derem Potenzial, das Wohl aller zu maximieren. Unsere Ahnen backten zwar nicht mehr oder weniger kompetent Kekse, dafür jagten und angelten sie mehr oder weniger kompetent und stellten mehr oder weniger kompetent Werkzeuge her. Wir stammen von Individuen ab, die mit Hilfe von fairer Verteilung Anreize für wiederholte Zusammenarbeit mit einer Vielzahl anderer Individuen setzten. Dagegen wäre jemand (unabhängig von seiner Kompetenz), der die gleiche Verteilung der Beute einer grösseren Jagdpartie gefordert hätte, von der Zusammenarbeit ausgeschlossen worden. Man stelle sich nur die Diskussion vor: die beiden besten Jäger drohen, die Horde zu verlassen, falls unfaire Gleichheit durchgesetzt wird. Die schlechtesten Jäger sehen sich genötigt, faire Ungleichheit zu fordern: lieber einen geringeren Anteil an dem, was die Gruppe erjagt, als gar keinen an dem, was die besten Jäger auf eigene Faust erbeuten. Zu guter Letzt werden die schändlichen Befürworter von (unfairer) Gleichheit zum Teufel gejagt.

In modernen Ökonomien ist faire Zusammenarbeit noch zentraler. In «Der Wohlstand der Nationen» von 1776 beschreibt Adam Smith, wie eine einzige Person auf sich gestellt 1 bis 20 Nadeln pro Tag produziert, zehn Personen in Zusammenarbeit jedoch 48 000 Nadeln (4800 pro Person). Dieser erstaunliche Produktivitätsgewinn ergibt sich durch Arbeitsteilung. Wenn sich jeder auf einen einzigen Prozessschritt konzentriert, wird er darin höchste Geschicklichkeit erlangen und kann seine Fertigkeit kontinuierlich zum Tragen bringen, ohne ständig zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her wechseln zu müssen. Heute, mehr als 200 Jahre nach Smith, sind infolge der Globalisierung noch grössere Produktivitätsgewinne durch noch umfangreichere Arbeitsteilung möglich.

Zusammenfassung

Um die Welt zu verbessern, müssen wir die Probleme sorgfältig diagnostizieren. Unfaire Ungleichheit ist ein bedeutendes und zunehmendes Problem. Das Ziel darf jedoch nicht ihr Spiegelbild sein, unfaire Gleichheit, sondern sollte Fairness sein – mal in Form von Gleichheit, mal in Form besonderer Ungleichheit. Der Aufruf zu Fairness ist zudem weit mehr im Einklang mit unserer psychischen Natur. Das ideale Mass der fairen Ungleichheit gilt es zu diskutieren, und das wird auch zukünftig so sein. Aber: es wird immer grösser sein als null.


Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jan Meyer-Veden.


Mark Sheskin
ist Dozent für Kognitionswissenschaften an der Universität Yale. Zusammen mit Paul Bloom und Christina Starmans verfasste er die in «Nature Human Behaviour» publizierte Studie «Why people prefer unequal societies» (2017).