In den letzten Monaten häuften sich die Zeitungsberichte darüber, dass Astronomen in ihrer Suche nach bewohnbaren Planeten fündig geworden seien. Zuletzt geisterten Anfang Februar Berichte über eine «Super-Erde» durch die Medien, die in einem 22 Lichtjahre entfernten Sternensystem in 28 Tagen eine kleine Sonne mit der Bezeichnung GJ667Cc, einen sogenannten Zwergstern der Klasse M, umkreist. Dieser Planet sei der beste bekannte Kandidat für Bedingungen, die das Vorhandensein von flüssigem Wasser und vielleicht Leben, wie wir es kennen, erlauben könnten, heisst es in Forscherkreisen.

Ob vielleicht schon in diesem Jahrhundert eine Mission gestartet wird, um diesen Planeten zu erkunden, vielleicht sogar zu besiedeln? Zur Beantwortung einer solchen Frage müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden: Da gilt es, nach der technischen Machbarkeit des Unterfangens zu fragen. Wichtiger erscheint aber noch die folgende Frage: Wäre die Menschheit angesichts ihres heutigen Denkens über Natur, über Gesellschaft und über den Menschen an sich zu einer solchen Leistung überhaupt imstande?

Wagen wir ein riskantes Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, die Menschheit wäre jetzt und hier technisch imstande, diese «Super-Erde» in kurzer Zeit zu besiedeln – wie würde das vonstattengehen? Es würden sicherlich zahlreiche Experten-Kommissionen gebildet. Nach monatelangen Diskussionen über deren Zusammensetzung – denn wer kann sich schon mit Fug und Recht als Experte auf dem Gebiet der Planetenbesiedlung bezeichnen? – könnte die Liste der Kommissionen in etwa wie folgt aussehen:

Eine Umweltschutz-Kommission würde die Klima- und Bodenbeschaffenheit der «Super-Erde» diskutieren. Sie dürfte jedes menschliche Handeln untersagen, dass in irgendeiner Weise das ökologische Gleichgewicht sowie das Klima, das zum Zeitpunkt der Besiedlung auf diesem Planeten existierte, beeinträchtigen könnte. Zuvor müsste in kürzester Zeit ermittelt werden, wie überhaupt das ökologische Gleichgewicht auf einem unbelebten Planeten zu ermitteln und entsprechend zu schützen sei. Hierzu würde das Prinzip der Vorsorge für kommende Generationen auf kommende Lebensformen ausgeweitet werden, die sich eventuell hätten entwickeln können, wenn die menschliche Besiedlung des Planeten ausgefallen wäre. Zudem müssten selbst für den Fall, dass keine fremden Lebensformen auf dem Planeten nachweisbar wären, alle Vorkehrungen getroffen werden, um ein Artensterben zu verhindern.

Eine andere Kommission hätte zum Ziel, Richtlinien dafür zu entwickeln, wie mit dem bislang noch unbekannten ausserirdischen intelligenten Leben auf dem Planeten umzugehen sei und wie man Problemstellungen wie Unterdrückung oder gar rassistische oder sexistische Übergriffe verhindern könnte. Zuvor müsste eine Untergruppe dieser Kommission Standards entwickeln, was denn überhaupt als «intelligent» zu gelten habe und ob möglicherweise auch Formen intelligenten Nicht-Lebens vorstellbar seien und wie diese ohne Verlust der eigenen Identität zu integrieren wären.

Die Ethik-Kommission würde den nachhaltigen Umgang mit der fremden Natur regeln und die grundsätzliche Nichteinmischung, Nichtbeeinflussung sowie die Grundsätze der «No-Contact-Policy» beschliessen. Die Arbeit wäre eng verzahnt mit der der Stabilitäts-Kommission, die die Verhaltensregeln und Werte der neuen Gesellschaft nachhaltig festschreiben müsste. Gerade das Gebot der Nicht-Interaktion mit der fremden Umgebung ist bei der Besiedlung neuer Welten eine regelbedürftige Herausforderung. Um die Null-Toleranz-Politik des Nichthinterlassens menschlicher Spuren umzusetzen, müssen strikte Regeln formuliert werden. Irdische Erfahrungen haben gezeigt, dass insbesondere das dauerhafte Leben von grösseren Menschengruppen unter freiem Himmel, in bitterer Armut und ohne Chance auf Verbesserung eines funktionierenden Gestaltungs- und Ordnungsrahmens einer moralisch festen Basis bedarf.

Der Kommission für Wirtschaftsethik käme die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, dass die Menschen in der neuen Welt ihrem potenziell zerstörerischen Trieb, stoffliche Interaktionen mit ihrer Umwelt voranzutreiben und so diese somit einseitig zu ihren eigenen Gunsten zu verändern, Einhalt gebieten. Eine Unterkommission würde festlegen, dass weder irdische Rohstoffe in die neue Welt eingebracht noch ausserirdische Rohstoffe verbraucht werden dürfen.

Eine Governance-Kommission würde über die Richtlinien guter Regierungsführung in völlig unbekannter Umgebung beraten und Mechanismen zur Wahrung und Durchsetzung dieser Richtlinien entwickeln. Angesichts der Massgabe der völligen Nichteinmischung und nicht Nicht-Interaktion mit der ausserirdischen Umwelt hätte diese Kommission unter den Menschen die Einsicht zu fördern, dass «Politik» im irdischen Sinne nicht nur nicht zielführend und ineffektiv, sondern sogar insofern riskant sei, als sie die Möglichkeit suggerieren könnte, Menschen dürften Anstrengungen unternehmen, die bestehende fragile Stabilität infrage zu stellen.

Eine wichtige Rolle käme der Kommission für Aussenpolitik zu: Sie müsste strenge Kriterien für die Aufnahme fremder Lebensformen in eine zu schaffende Transplanetare Union (TU) formulieren. Ein Sonderparagraph würde Mitgliedskulturen dieser TU das Aufstellen ungedeckter Haushalte explizit verbieten. Auch Massnahmen gegen die drohende Zerstörung fremder Lebensformen durch das Aufzwängen vermeintlich überlegender kultureller Errungenschaften wären festzulegen. Ebenso müssten die Menschen auf der «Super-Erde» zur Wahrung ihrer eigenen Identität vor Errungenschaften oder Bedrohungen fremder Lebensformen geschützt werden. Dies habe insbesondere auch für kulturelle und quasi-religiöse Ausformungen zu gelten, die auch nur entfernt an das Judentum oder den Islam erinnern oder aber Spurenelemente nichtnachhaltigen Denkens beinhalten.

Um dies zu gewährleisten, müsste eine Unabhängigkeits-Kommission dafür Sorge tragen, dass letztlich auch alle Kontakte zur Erde abgebrochen werden, um potenziell schädliche Einflüsse von der neuen Welt abzuhalten. «Schliesslich solle sich die neue Zivilisation frei und unabhängig entwickeln.»

Schluss mit dem Gedankenexperiment, zurück zur Ausgangsfrage: Wäre die Menschheit angesichts ihres heutigen Denkens über Natur, über Gesellschaft und über den Menschen selbst zur Besiedlung der «Super-Erde» imstande? Da fragen Sie noch…?

 

Matthias Heitmann ist freier Journalist und Autor. Er lebt in Frankfurt am Main und schreibt von nun an monatlich die Onlinekolumne «KLÄRanlage».