Ein zorniger Mungg ist er, der den Hirt macht, oben auf der Greina, aber in Wahrheit ist es die Wildnis, die ihn hütet, den Giacumbert Nau, den Ausgewilderten, der das Fell seiner Hündin krault, die als einzige nicht von ihm weicht, seine Diabola. Er lebt in den Rissen seiner Vergangenheit. Und verschwindet darin. Dafür taucht viel Dunkles auf aus den Nebeln der Greina und in den Erinnerungen des Umherstreifenden.

Giacumbert Nau ist ein Typ, den man nicht vergisst. Zu sehr muss man ihn sich selbst zusammenreimen. Im Unerzählten entwickelt Leo Tuor einen unwiderstehlichen Sog. Das war 1988 so und wirkt noch heute; in der Berggeschichte, die nicht zum Heimatroman taugt, oder, wie die NZZ damals schrieb, im «Hirtenroman ohne Idylle». Die Neuauflage des vergriffenen Erstlings ist eine spannende Wiederbegegnung. Das Literarische hat die politische Aktualität überdauert, aus einem Wurf ist ein Klassiker geworden. Im nachhinein lässt er sich nun als erster Teil einer Trilogie lesen von Wildnis, Herkunft und Töten. Wie ein Gewitter kracht und blitzt es, Nebelbänke schieben sich im entscheidenden Moment vor das Geschehen, unwirkliche Lichtstrahlen lassen die Kargheit für kurze Momente erglühen, bevor anhaltender Regen wie ein Vorhang fällt. Hierin lebt Giacumbert Nau, der windschiefe Kerl mit dem aufrechten Furor in sich. Seine Geschichte nähert sich uns in Fragmenten: Im Dorf erhängt sich der Pfarrer an der eigenen Stola, ein Widder verliert sich liebestoll in den Felsen. Unrettbar. Albertina heiratet einen anderen, und doch schmeckt Giacumbert den bitteren Salzgeschmack ihrer Haut, füllt sich sein Munggenloch mit dem dunkelgelben Safranduft ihrer Liebe. Souverän arbeitet Tuor mit den Urmotiven seines Genres: Wildnis und Fortschritt, Sesshafte und Hirten, stolzes Aussenseitertum und Einsamkeit, die Unerbittlichkeit der Natur und der Liebe. Doch dazwischen liegen Abgründe, die der Autor nicht schliesst, und damit den für Berggeschichten mächtigsten Archetypus baut: das Geheimnis, das sich niemals klärt. Den Raum, aus dem früher die Sagen herabstiegen. Je genauer er die wenigen Begebenheiten einfängt, umso grösser wird das Ahnungsvolle, das dieses Buch trägt. Ein Buch, das auch ein Song sein könnte. Nicht allein des Rätoromanischen wegen, das niemals nur spricht, sondern klingt, zischt und rauscht. Dann wäre «Giacumbert Nau» trotz Tuors kongenialen Übersetzers Peter Egloff in der deutschen Sprache verloren. Die Erzählweise selbst ist stark rhythmisiert, fliesst in grossen Bögen, bricht jäh ab, verliert sich im Ungefähren, wo diese ganz bestimmte Stimmung entsteht der Einsamkeit, des Trotzes, der Berge.

Tuor selbst war einst der Hirt auf der Greina. Siebzehn Sommer hat er dort oben gearbeitet und weiss, was Abgeschiedenheit mit einem machen kann. Seine Figur Giacumbert verliert sich. Vielleicht ist er heute der Halbnackte, der durch das Val Grande irrt, ab und zu von Wanderern gesichtet. Sein Schöpfer jedenfalls ist nach diesen vielen Sommern ein Schriftsteller geworden. Einer, dem es nicht um eine neue Geschichte geht, sondern um das richtige Erzählen einer sehr alten. Wohl herrscht in der Bergliteratur kein Mangel an packenden Büchern von Männern, die aus der Einsamkeit zurückgekehrt sind, dort mit sich und der Wildnis gerungen und auch Abenteuerlicheres erlebt haben, als die Greina zu bieten hat. Ihre Berichte leben von schonungsloser Beschreibung. Selten aber sind die Rückkehrer Literaten geworden, die in der Lage sind, das Unbeschreibliche an uns heranzutragen. In Leo Tuors Roman erlebt es sich wieder, wie viel näher als die reine Authentizität die Literatur den letzten Dingen zu kommen vermag.