An der Wand hängen Scherenschnitte von Manana Menabde, in der Mitte des Raumes stehen Tische in der Form eines riesigen «  », des georgischen Buchstabens k, darauf Aphorismen. Wir sind in der Gallery Nectar in Tbilisi, die Nino Sekhniashvili führt. Wir begrüssen uns auf Englisch, Nino fragt, ob wir nicht lieber Deutsch sprechen würden, das falle auch ihr leichter. Kein Wunder: in Düsseldorf hat sie studiert, in Wien, Stuttgart und Zürich Aufenthaltsstipendien erhalten. Noch besser als Deutsch aber beherrscht sie die internationale Kunst der Laut- und Gestenmalerei: ein «Sdrrrsch!» entfährt ihr, als sie vom überdimensionalen Wandteppich des Künstlers Tamaz Nutsubidze erzählt, den sie dieses Jahr an der Liste Basel, der kleinen Schwester der Art Basel, gezeigt hat. Das «Wow!», gefolgt von einem langen, strahlenden Schweigen, gilt dem Konzert Manana Menabdes, mit dem die Künstlerin kürzlich ihre Ausstellung eröffnet hat. Bekannt wurde Menabde als Schauspielerin und Chansonnière, sehr bekannt sogar: die Enkelin der vier Ishkhneli-Schwestern – Pionierinnen des Stadtromanzengesangs – bespielte als pansowjetischer Popstar die ganze UdSSR. Nach deren Zusammenbruch zog sie nach Berlin, schreibt seither neben der Musik Gedichte, spielt Theater und schneidert vielschichtige Kunstwerke aus Papier, wie sie hier an den Wänden hängen.

Nino Sekhniashvili, 1979 geboren, ist selbst auch Künstlerin, Konzeptkünstlerin, präzisiert sie. Deshalb sei sie auch nicht festgelegt auf ein bestimmtes Material. Studiert hat sie experimentelle Bildhauerei und Druckgrafik, mit Holz, Leder, Stoff, Videos arbeitet sie. In letzteren passiert meist nicht viel – oder auch mal gar nichts. Während ihres Stuttgarter Stipendienaufenthaltes 2007 filmte sie am liebsten mit der Kamera, die nach einem Sturz nur noch völlig schiefe Bilder aufnimmt, sie illustriert durch Augenverdrehen. In Basel habe sie sich entschieden, sich nur noch auf die Photographie zu verlegen. Sie sagt, mit der Hand durch den Raum gleitend: «Überall nur Gegenstände, niemand beschäftigt sich ernsthaft mit Photographien, mit der Möglichkeit ihrer technischen Umsetzung.» Basel sei überhaupt lehrreich gewesen, hebt Nino an, bricht aber gleich wieder ab: sie braucht Zigaretten und führt uns zum Warten aus der hellen Galerie in den dunklen, ziegelsteinernen Keller.

Wir sitzen auf kalten Bänken und starren den Destillationsofen an – selbst gebaut für den georgischen Grappa «Chacha», den sie hier aus dem Trester der Trauben brennen. Nino ist schnell zurück und hat Bier mitgebracht. Konzerte, Performances oder einfach gemütliches Beisammensein, das pflegen sie hier. Letztes Jahr seien Les Reines Prochaines aufgetreten. Die Schweiz, schon wieder. Sie habe also in Basel gesehen, fährt sie fort, wie andere Galerien arbeiteten, und wieder gemerkt, weshalb sie das alles hier eigentlich mache. Nicht selten zweifle sie an ihrer Tätigkeit als Kuratorin. Warum? Für jede einzelne Ausstellung, gute zehn bis zwölf pro Jahr, sagt sie, treibt Nino rund 1000 Euro auf. Harte Arbeit, es gehe immer gerade so. Das Ministerium für Kultur würde sie theoretisch unterstützen, sogar mit einem beachtlichen Betrag, aber nicht für ein ganzes Jahr, sondern stets nur für einzelne Projekte. Das heisst für Nino: zehnmal das Prozedere mit Antrag und mehreren Besuchen auf dem Amt durchlaufen. Sie verwirft die Hände: «Das fesselt mich an den Schreibtisch, macht mich wahnsinnig! Nein, da verzichte ich lieber», und bläst sich eine Strähne aus dem Gesicht. Seit 2013 betreibt sie ihre Galerie, die sich vor allem auf «Outsider Art», also auf Kunst von Künstlern konzentriert, die sich selbst nicht als solche begreifen, wie Shota Bostanashvili. Der Architekt hat den «Palace of Poetry» – eine Art Gebäudeskulptur – entworfen, mehr noch: über drei Jahre hinweg auch von Hand geformt. Als das Gebäude 2013 abgerissen wurde, las Bostanashvili eigene Gedichte vor der Abbruchkulisse. Gute 50 Minuten dauert das Video, Bauarbeiter jubeln und pfeifen, wenn wieder ein Teil des Gebäudes wegbricht, im Vordergrund ein älterer Herr, der vom weissen A4-Blatt abliest, niemals in die Kamera blickend. Ein Wohnblock wird an seine Stelle gebaut, es werde ihr jeweils unheimlich zumute, wenn sie den leeren Platz jetzt sehe, sagt Nino und formt mit der Hand eine Kralle vor dem Hals, die sich langsam schliesst.