Schweizer Monat
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Micieli reist

Bern–München: 6 Stunden, 57 Minuten
Von Francesco Micieli

«Es ist nicht vorgekommen, dass ein Buch einfach verschwunden wäre», sagt Wittgenstein. Auch in diesem Fall hat er recht: dieses Buch ist wie ein Trojaner, es geht mir nicht aus dem Kopf. Es drang ein und besetzte die wichtigen Schaltflächen, macht mich zunehmend willenlos. «Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz» von Ursula Timea Rossel ist eine Anweisung in nicht bloss ästhetisch ansprechender Form.
Hält man es in den Händen, weiss man, weshalb ein wirkliches Buch einen anderen Text erzeugt als eine Folge von numerisch sortierten Blättern. Kaum öffnet man es, fällt man in das Meer der Geschichten. Ich werde angewiesen, nach München zu reisen, um mit meinem Kollegen Klaus Hübner ein Bier zu trinken. Nach dem «Brief an die Nichtleser»  möchte ich das Buch kurz weglegen, es fällt zu Boden, ein rot gedruckter Satz starrt mich an, ich lese sofort weiter. Die Geschichten um den Kartographen W.B. und die Metamorphosen der S.B., die zunächst ein Knabe war, sind starke Welten in starker Sprache! Ba/rock.

Lesend wandele ich ins «Au Premier» im Zürcher Hauptbahnhof – der Zug nach München hat Verspätung. «Der Stoff, aus dem das Firmament der Literaturgeschichte besteht, ist ein immer wieder gestohlenes Manuskript.» Dieser Satz schreibt sich in meine Blutbahn. Beim Kapitel «Probleme der Kartographie IV: Die Wertlosigkeit der Kopie» angelangt, bestelle ich mir ein Bier und verpasse den Zug. Eine Frau nennt mich Dinosaurier! Weil ich mich auf ihren Schal gesetzt habe. Vor mir die Metamorphosen der Sibylle Blauwelsch, die mich in die «kopierte» Welt verirren lassen: «Die Männer zogen Sibylle an Bord. Sie konnten nicht recht erklären, woher sie kam und was mit ihr passiert war, und da die achtzehn Menschen im Boot selbst genug Sorgen hatten, bohrten sie nicht lange nach.» Im letzten Zug nach Bern versammeln sich die Desperados, die letzten Tänzer und die letzten Leser. Die Nacht versteckt das Mittelland, durchbrochen
von Lichtlein aus den Einfamilien. «Du bist gemeint. Ich habe für dich eine Geschichte geschrieben», sagt mir das Buch nun ganz zuletzt. Und meine SMS verlässt den Zug: Lieber K.H., ich komme ein anderes Mal.




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