Galileo Galilei war ein italienischer Philosoph, Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Irrtümer auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften beging. Von ihm stammte u.a. die halsbrecherische Behauptung, die Erde bewege sich um die Sonne. Immer wieder hatte er dies öffentlich behauptet und es sogar niedergeschrieben. Schliesslich verurteilte ihn die heilige Inquisition der römisch-katholischen Kirche wegen Ketzerei, vor allem aber auch deshalb, weil er mit seinen wahnwitzigen Geschichten die Erde aus den fest verankerten Angeln gehoben hatte. Die Folgen dieses Tuns bekommen wir bis heute zu spüren. Seit Galilei sind wir sicher: Die Erde dreht sich um die Sonne.

Sie sind der Meinung, diese Darstellung der Geschichte Galileis animiere in nicht zulässiger Weise dazu, falsche Schlüsse zu ziehen? Dann haben Sie die seltsamen Ausprägungen mancher Debatten verpasst, die sich knapp hinter dem Scheitel der deutschen Flutwellen ausbreiteten und dem Hochwasser noch eine anständigen Schluck Apokalypsengeist zusetzen. Wer hier bei klarem Verstand blieb, konnte völlig neue Dimensionen dessen erleben, was in der deutschen Medienöffentlichkeit als «falsche Schlussfolgerung» und als «nicht wirklich zulässig» gilt.

Während wir also mit stundenlangen Live-Schaltungen in die Krisenregionen mit einer Art «Big Brother under water» weichgeklöppelt und uns mit ebenso geistreichen wie einfühlsamen Betroffenheits-Interviews – «Wie fühlen Sie sich jetzt, wenn Sie Ihrem Haus beim Untergehen zusehen?» «Verdammt schlecht!» «Warum genau?» – in die seltsame Rolle des mitleidenden Voyeurs gedrängt werden sollten, fühlten sich besonders kritische Geister dazu berufen, zum grossen Schlag auszuholen. Den Vogel schoss Jakob Augstein, der Besitzer der Wochenzeitung «Der Freitag», mit seiner «Spiegel Online»-Kolumne «Wir sind schuldig!» ab. Und eben nicht nur «mitschuldig», wie es dem Voyeur gerne unterstellt wird, nein: «schuldig».

«Ob dieses eine Hochwasser auf die von Menschen gemachte Erderwärmung zurückgeht, wird sich nicht beweisen lassen. Die Frage ist: Welchen Beweis brauchen die Klimawandelleugner, bevor ihnen die Augen aufgehen?», predigte Augstein auf alle diejenigen ein, von denen er annimmt, sie würden den Klimawandel leugnen und damit letztlich dem Hochwasser erst den Weg in die Ebenen ebnen. Auch deren Schuld lasse sich zwar nicht beweisen, aber wer braucht schon Beweise, wenn es um Schuld geht? Auf die Deiche will Augstein die Sünder führen, damit das Wasser ihnen die Augen öffne. Dabei ist er doch selbst das lebende Beispiel dafür, dass gerade der Mangel an Beweisen den Glauben an die eigene Wahrheit festigen kann. Gewissermassen stellvertretend für alle, die angesichts der zunehmenden Hinweise auf die globale Erwärmungspause leicht an der Unfehlbarkeit des Weltklimarates zu zweifeln begannen, schoss sich Augstein auf die beiden deutschen Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch ein: «Wahlweise rechnen die beiden mit statistischen Taschenspielertricks die menschengemachte Erderwärmung weg oder geben gleich der Sonne die Schuld.»

Nun ist es ist eine wirklich an den Haaren herbeigezogene Unterstellung, die Sonne könnte auch nur im Entferntesten etwas mit der Klimaentwicklung auf diesem Planeten zu tun haben. Sie taugt ja nicht einmal dazu, den Absatz deutscher Solarzellen so hoch zu halten, dass die übersubventionierte deutsche Solarindustrie den chinesischen Fluten standhält! Und ausserdem: Wer überprüft schon die Heizung, bevor er im Sommer im eigenen Wohnzimmer bei geschlossenen Fenstern an Hitzschlag stirbt? Womit wir wieder bei Galilei wären: Auch er hatte ein gestörtes Verhältnis zur Sonne: Er degradierte sie vom die Erde friedlich umschwärmenden Leuchtelement zum sinnlos herumhängenden, extrem unnachhaltig seine Energie verschleudernden und nun auch noch den Mittelpunkt unseres planetaren Leidensweges bildenden Fixstern. Aber vielleicht ist das mit Ketzern so, dass sie teufelsgleich nicht nur das Weihwasser, sondern auch unwiderlegbare Wahrheiten scheuen, unabhängig davon, welche katastrophalen Konsequenzen das hat.

Was das nun alles mit der Schweiz zu tun hat, fragen Sie? Eine berechtigte Frage. Jakob Augstein würde sagen: Steigen Sie doch einfach hinab ins Tal und auf einen Deich, und Sie werden es schon sehen! Wenn Sie sich vergegenwärtigen, wie fantasievoll und kreativ angesichts von Naturkatastrophen mit dem Zusammenhang und Ursache, Wirkung und Schuld umgegangen wird, dann ist es nicht auszuschliessen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Schuldfrage ganz anders aufgedröselt wird. Erst kürzlich gab der EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski bekannt, die Union habe schlicht kein Geld, um den Hochwassergebieten in Mitteleuropa schnell zu helfen. Wie schnell kann da der suchende Blick nach neuen Finanzierungslösungen dorthin fallen, wo ohnehin aus EU-ropäischer Sicht viel zu viel und noch dazu viel zu viel eigenes und unversteuertes Geld lagert?!

Dass die Schweiz nicht in der EU ist, dürfte für den phantasievollen Brüsseler Bürokraten kein Hindernis sein: Schliesslich hindert dies ja auch die Schweiz nicht daran, ihren eigenen flüssigen Beitrag zur zweiten Jahrtausendflut dieses Jahrhunderts zu leisten. Es ist nun einmal so, dass Wasser bergab fliesst, umso schneller, wenn Hänge abgeholzt, Flüsse begradigt und Gletscher erwärmt werden. Aus kontinental-solidarisch-etatistischer Sicht wäre es durchaus vorstellbar, den binneneuropäischen und zudem äusserst bergigen Anrainer- oder besser: AnRheiner-Staat als Mitverursacher der Flut zur Kasse zu bitten. Die Öko-Kavallerie steht bereits in den Startlöchern. Nur zu gerne würde sie den Eidgenossen zu verstehen geben, dass die EU sich ebenso wenig schützend um die Schweiz dreht wie die Erde mitsamt ihrem Klima um die Sonne.

Matthias Heitmann ist freier Publizist. Seine Website findet sich unter www.heitmann-klartext.de. In seiner Online-Kolumne berichtet er monatlich, was in Deutschland und Europa geschieht – und bald auch für die Schweiz relevant sein könnte.