Ein Gespenst geht um in der Europäischen Union. Nein, es ist weder der Kommunismus noch der Islamismus. Es ist vielmehr der Glaube daran, dass ein Mehr an Frauen in den wirtschaftlichen und politischen Führungszirkeln die von angeblich «männlichen» Werten und Zielvorstellungen an den Rand des Abgrunds geführte Welt vor dem Untergang bewahren kann.

Dieser Glaube besagt, «das Männliche» sei dominiert von krankhaftem Ehrgeiz, dem rücksichtslosen Streben nach mehr Macht, Kontrolle und Wachstum, dem korrumpierbaren Karrierismus gepaart mit Gewalttätigkeit, Techniksucht und dumpfem Egoismus – ein tödlicher Cocktail, der nicht nur als Ursache für zwischenmenschliche Spannungen gilt, sondern auch für die weltweite Wirtschaftskrise, die globale Umweltzerstörung und sogar den Klimawandel verantwortlich ist. Woran es hingegen fehle, seien «weibliche» Werte wie menschliche Empathie, soziales Gerechtigkeitsgewissen, Bescheidenheit, Sinnlichkeit, Spiritualität und Emotionalität.

Karrieremachen ist also nicht «weiblich»? Ist es dann nicht widersprüchlich, dass ausgerechnet der «Männerladen» EU den 5000 börsennotierten Wirtschaftsunternehmen Europas ab dem Jahr 2020 eine 40-prozentige Frauenquote in Führungspositionen vorschreiben will? Man mag das für widersprüchlich halten – vorausgesetzt, man geht davon aus, dass es bei der Frauenquote wirklich darum geht, die Aussichten für beruflichen Erfolg von Frauen zu verbessern. Allein, darum geht es nicht.

Wäre dies das zentrale Anliegen der EU und den nationalen Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten, müssten sie Geld in die Hand nehmen, um das ungelöste Problem der Kinderbetreuung zu lösen. Es ginge um Plätze in Kinderkrippen, nicht um Plätze in Aufsichtsräten. Die moderne europäische Gleichstellungspolitik will sich aber nicht mit Kleinkariertem abgehen, zumal das sehr teuer ist, sondern sie hat Grösseres vor: Sie will das europäische Wertesystem umkrempeln und mit vermeintlich «weiblichen» Zügen versehen.

Warum soll es für Europas Regierungen von Vorteil sein, Karrierismus und hohe Ambitionen als «männlich» zu brandmarken? Ganz einfach: Genügsame Gesellschaften sind leichter zu managen und zu kontrollieren. Das sagt man so natürlich auch den Frauen nicht: Lieber umgarnt man sie damit, dass sie Qualitäten hätten, die den Männern abgehen, und deshalb dringend «gefördert» werden sollten. Wer hört solche Komplimente nicht gern?

Die Verschleierung, also nicht die islamistische, sondern die feministische, funktioniert. Unter dem bezaubernden Frauenkleid der Gleichstellung von Mann und Frau  verbirgt sich der für die EU typische autoritäre Politikansatz der Gesellschaftsregulation von oben. Der ist, wenn der Schleier erst einmal gelüftet ist, ganz leicht zu durchschauen: Wenn Veränderungen sich in der Gesellschaft nicht so einstellen, wie von der europäischen Erziehungs- und Heilungselite erwünscht, dann wird die Veränderung «verschrieben», ohne Wenn und Aber, und natürlich «alternativlos».

Wir kennen diese Politik aus nahezu allen Bereichen des Lebens. Nicht von ungefähr wurde «alternativlos» im Jahr 2010 in Deutschland zum offiziellen «Unwort des Jahres» auserkoren. «Alternativlose» Politik fängt beim Nichtrauchen an und endet – man erinnere sich an diverse Referenden zur Europapolitik etwa in Frankreich oder Irland – beim Richtig-Wählen.

Das ist im Übrigen auch der Grund, warum sich plötzlich Konservative der Frauenthematik annehmen – mehr als 30 Jahre, nachdem Frauenrechte auf den Strassen gefordert und von nicht wenigen mit einem Systemwechsel in Verbindung gebracht wurden. Die Demonstranten von damals gehen heute vielfach am Stock, so auch der Systemwechsel. Woran sich aber zeigt: Frauenquote geht auch ohne Beteiligung der Strasse. Man muss sie einfach nur feinsäuberlich von all dem ablösen, für das sie einst stand, nämlich: Befreiung. Oder noch griffiger: Emanzipation – Freiheit = EUmanzipation.

Die Gleichstellungspolitik ist deshalb ein so hervorragendes Machtinstrument für die EU, weil, wenn man sie einfach nur auf der Ebene der Chancengleichheit von Männern und Frauen diskutiert, ja kein Mensch mit Hirn und Verstand dagegen sein kann. Enthüllt man aber die dahinterstehende Wertedimension, wird deutlich, dass weder Frauen noch Männer profitieren. Der Schleier ist an einigen Stellen durchsichtig, vor allen Dingen dort, wo er die Wirklichkeit im Alltagsleben von Männern und Frauen berührt. Diese Berührungspunkte werden daher tunlichst vermieden, weshalb es auch für die Politik nicht nur peinlich, sondern gefährlich ist, dass sie beim Thema Kinderbetreuung so versagt.

Aber noch aus einem weiteren Grund ist das Frauenthema in Europas Hauptstädten so hoch im Kurs: Durch das offensive Eintreten für Frauenrechte tut die Politik so, als sei sie eine Art Aussenbordmotor für die lahme Zivilgesellschaft, die offenbar nicht einmal in der Lage ist, simpelste Fragen des menschlichen Zusammenlebens sinnvoll zu klären. «Mutter Staat» nimmt uns bei der Hand, greift uns unter die Arme und macht uns zu besseren Menschen.

Wehren wir uns aber gegen die wohlmeinende Zurechtweisung – und nichts anderes soll eine Frauenquote ja sein –, dann ist eine intensive Behandlung unserer «tiefsitzenden geschlechtsspezifischen Verhaltensmerkmale» angesagt. «Behandlung» ist hier wörtlich zu verstehen, weshalb die autoritäre Politik im Frauengewand auch so freundlich und therapeutisch daherkommt. Das Problem ist nur: Patienten haben keine Entscheidungsgewalt. Das unterscheidet sie von Bürgern. Und mit «freier Arztwahl» ist auch nicht die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte durch den «Souverän» gemeint.

Sollten Sie in Zukunft also einmal wieder das Gefühl haben, an der Hand genommen und angeblich ans Licht geführt oder gar «gefördert» zu werden, seien Sie auf der Hut: Es könnte «Mutter Staat» sein, die Sie am Bauch pinselt, gleichzeitig aber Ihrer Freiheit an den Kragen will. Wenn Sie kein Interesse daran haben, bemuttert zu werden – auch nicht für ein höheres Ziel – dann brauchen Sie, unabhängig davon, ob Sie nun Mann oder Frau sind, vor allen Dingen eines: Eier.

 

Matthias Heitmann ist freier Journalist und lebt in Frankfurt am Main. An dieser Stelle macht er sich regelmässig Gedanken darüber, welche Absurditäten in Deutschland aufschlussreich für künftige mögliche Entwicklungen in der Schweiz sein könnten. Seine Website findet sich unter www.heitmann-klartext.de.