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Gutmensch

Von Karen Horn

«Gutmensch!» Mit diesem Wort entlädt sich schiere Aggression gegenüber einer womöglich allzu ostentativen, auf jeden Fall lästigen Wertorientierung des politischen Gegners. Es zielt ohne jegliche Umschweife auf dessen Person, statt sich länger mit dessen Handeln oder Argument aufzuhalten – und genau deshalb gehört es auf die Müllhalde der politischen Rhetorik.

Der Begriff ist dazu angetan, zwei gleichermassen herabsetzende Wirkungen ab. Er bezichtigt den Gegner zumindest implizit der geistigen Beschränktheit, die ihn nicht erkennen lasse, dass sein gut gemeintes Tun oder sein Rat nutzlos sei oder vielleicht sogar das Gegenteil des Erwünschten bewirke. Diesem Verkehrungsvorwurf, den Albert O. Hirschman als ein etabliertes Mittel reaktionärer Rhetorik herausgearbeitet hat, fügen manche Autoren ein weiteres vergiftetes Element hinzu, indem sie – wie Peter Ruch – auf die Motivebene wechseln und dem Geschmähten eigennützige und opportunistische Motive anhängen. So stellt man, zweitens, die charakterliche Integrität des Gegners in Abrede.

Kontaminiert, wie der «Gutmensch» ist, kann man der liebevollen Konnotationen nur noch in Trauer gedenken, die seine Wortfamilie einst weckte. So amüsierte sich Goethe in dem Gedicht «Gutmann und Gutweib» des Schotten David Herd, das er übersetzte, über ein braves Ehepaar, das sich des Nachts eher das Essen aus der Küche stehlen lässt, als wieder aus dem warmen Bett zu steigen und die Haustür zu verriegeln. «Goodman and Goodwife», das waren Menschen «wie du und ich», denen Wohlwollen gebührte. Nach Goethes Zeitgenossen Karl Christian Friedrich Krause zeichnete den Gutmenschen gar seine «Unschuldwürde» aus, die «jene Heuchelglattheit der Vornehmlinge» nicht erträgt. Heute ist der Begriff, über dessen Ursprünge es viele nicht belegbare Theorien gibt, eine knallharte Diffamation. Der Versuch, seine Ehre zu retten, ist wohl müssig – und man lässt ihn vielleicht besser einfach sein.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».




Kommentare zu diesem Artikel

Thomas Göttsche
13. Juni 2016 11:25
Die Autorin immunisiert ihre Darstellung zu Beginn mit dem Hinweis auf Hirschmann. Wie könnte man da noch Kritik üben, ohne sich stante pede im reaktionären Lager zu finden?

Es ist ja genau diese ideologische Kriegsführung aka Propaganda, welche die Atmossphäre vergiftet. Wir könnten einen Diskurs haben, in dem viele Meinungen nebeneinander stehen könnten. Mit Toleranz könnte man Abweichungen zulassen, wenn man sie auch nicht teilen würde.
Wäre das nicht liberal?

Doch dazu bräuchte es rationales Denken, das weder die Gutmenschen in die Ecke der "Linksfaschisten" drängen würde, noch die Kritiker der Gutmenschen in die Ecke der "Rechtspopulisten".

Dieser Beitrag ist ein Symptom der Krankheit für dessen Therapie die Autorin diesen vermutlich hält.



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