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Gesinnungsethik

Von Karen Horn

«Gesinnungsethik» gehört zum aktuellen Aggressionsvokabular. Gemeint sind zumeist fahrlässige Vereinfachung, Irrationalität, Unreife, Unfähigkeit. Doch das ist eine polemische Verdrehung des Begriffs, der vielmehr eine Orientierung an Grundwerten benennt. Eine solche Richtschnur ist gerade in der Politik essenziell. Lindner scheint das zu wissen, weshalb er seine Rüge noch mit dem Wort «Träumereien» schärft.

 

Der positive Gegenbegriff zu «Gesinnungsethik» ist «Verantwortungsethik», meist appellierend gebraucht. Darin schwingen aufgeklärtes komplexes Denken und Rationalität mit, Reife, Kompetenz. Das Begriffspaar geht auf den Vortrag «Politik als Beruf» zurück, den der Soziologe Max Weber 1919 in der aufgeheizten Atmosphäre der Münchner Räterepublik vor Studenten hielt. Dort hat er selbst den heutigen entstellenden Gebrauch seines Dualismus mitverschuldet. Schon Webers Terminologie war unpräzise: Es ging ihm gar nicht um eine Ethik, eine moralphilosophische Theorie, sondern um ein Ethos, eine Haltung. Fatal indes war, dass er die Begriffe nur scheinbar ebenbürtig und insofern asymmetrisch aufeinander bezog. In seiner Konstruktion muss die «Gesinnungsethik» als wertvolle Haltung kollabieren, weil es schon per Definition an Verantwortung fehlt. Die «Verantwortungsethik» indes geht nicht nur selbst dann noch als Basis guten Handelns durch, wenn es an löblicher Gesinnung mangelt; das Ausblenden der Gesinnungsebene scheint sie sogar noch zu adeln.

 

Das ist Unfug. Ohne Gesinnung fehlen der praktischen Verantwortung Inhalt und Richtung; beides gehört zusammen. So wie der Philosoph Immanuel Kant dem kategorischen Imperativ als Handlungsmaxime sehr wohl auch die Berücksichtigung der Handlungsfolgen inkorporiert hatte, überwand Weber seinen Dualismus durch Kombination: «Gesinnungsethik und Verantwortungsethik [sind …] Ergänzungen, die zusammen erst den rechten Menschen ausmachen, den, der den ‹Beruf zur Politik› haben kann.» Dem ist nichts hinzuzufügen.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

 




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