Die Digitalisierung hat das etablierte Bankgeschäft erfasst. Sie verändert zurzeit auf ganz vielen Ebenen das traditionelle Geschäft: die Kommunikation mit Kunden, den Zahlungsverkehr, die Infrastruktur der Banken. Doch eine der spannendsten Entwicklungen hat die Schweiz noch kaum erreicht: der Einsatz von Robo-Advisors, also digitalen Vermögensverwaltern. Etablierte Anbieter tun sich bislang schwer mit der automatisierten Vermögensverwaltung – aus Angst, sich selber zu kannibalisieren, aber auch, weil sie Angst vor einem Kulturwandel haben. Doch es wäre verfehlt, disruptive Ideen und Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit Robo-Advisors als Hype abzutun und zum normalen Tagesgeschäft überzugehen. Hier liegt ungenutztes Potenzial. Richtig eingesetzt, können Robo-Advisors die Vermögensverwaltung ehrlicher, transparenter und kostengünstiger machen. Etwas, das Kunden zunehmend verlangen – auch in der privaten Altersvorsorge.

In den USA legen grosse Start-ups wie Betterment oder Wealthfront ein geradezu exponentielles Wachstum ihrer verwalteten Vermögen an den Tag. Im Gegensatz zur Situation in den USA sind jedoch die Robo-Advisors in Europa noch relativ klein. So entsprechen die durch sie verwalteten Gelder lediglich fünf bis sechs Prozent des in den USA erreichten Volumens. In der Schweiz stehen hinter Robo-Advisor-Angeboten meist kleine, innovative Finanz-Start-ups. Doch die Nachfrage nach dieser neuen Dienstleistung zieht merklich an, die Adaptionsrate ist hoch und das jährliche Wachstum steigt ebenfalls. Dass Robo-Plattformen klar an Beliebtheit gewinnen, zeigt sich auch daran, dass die Zahl ebendieser unabhängigen Anbieter in der Schweiz in die Höhe schiesst.

Mehr Objektivität statt Emotionen

Bei Robo-Advice, wo «Robo» für die maschinelle Automation und «Advice» für Anlageberatung steht, handelt es sich um eine neue Form automatisierter, digitalisierter Anlageberatung und Vermögensverwaltung, die mehr durch objektive Parameter geleitet wird als durch emotionale Entscheidungen des Anlegers und des Beraters. Bei der Erstellung eines neuen Kundenportfolios wird jeweils in einem ersten Schritt die Risikoneigung und die Risikofähigkeit des Kunden anhand eines Online-Fragebogens ermittelt. Nach der Auswertung wird ein auf den Kunden zugeschnittener Anlagevorschlag erarbeitet. Ist das Portfolio erst einmal erstellt, so wird die Einhaltung der Vorgaben permanent überwacht – auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Anlagen auch im Fall von grösseren Verwerfungen innerhalb der festgelegten Risikoparameter bleiben.

Es ist wichtig, an dieser Stelle zu erwähnen, dass Robo-Advisors keine autonom handelnden Roboter sind. Der Robo-Advisor wählt nicht eigenständig Aktien aus, und er löst auch nicht selbständig Kauf- und Verkaufsaufträge aus. Es geht vielmehr um ausgeklügelte Beratungssoftware, die von Menschenhand entwickelt wird. Hinter jedem Programm oder Algorithmus stehen also Menschen aus Fleisch und Blut.

Diese Programme können gegenüber traditionellen Lösungen hauptsächlich besser punkten, weil sie emotionale, kurzfristige Entscheide ausschliessen und die Einhaltung regulatorischer Anforderungen besser gewährleisten. Dank regelbasiertem Vorgehen werden bessere Konsistenz und Transparenz erzielt. Während die webbasierte Beratung dadurch einerseits systematischer wird, ermöglicht sie andererseits auch kreativere und intuitivere Lösungen. So können Kunden zum Beispiel mit nutzerfreundlichen Vergleichstools verschiedene Szenarien durchspielen und mögliche Auswirkungen in Echtzeit simulieren. Wie Architekten, die mittels 3D-Software einen Hausbau simulieren und das Aussehen des Hauses in jedem Stadium darstellen können, oder Piloten, die auf Flugsimulatoren ausgebildet werden, können sich Kunden über Online-Applikationen realistisch über die künftigen Folgen ihres Tuns ins Bild setzen.

Grosse Kostenvorteile

Unerwähnt bleiben darf auch nicht, dass Robo-Advisors dank der ganzheitlichen Digitalisierung grosse Kostenvorteile bieten, wodurch dem fortschreitenden Margendruck besser entgegengetreten werden kann. Dank Einsatz der Digitalisierung entstehen – wie bei den neuen Firmen der «Sharing Economy» – keine hohen Fixkosten. Robo-Advisors können, wie der Fahrdienstleister Uber, der über keine eigenen Fahrzeuge verfügt, oder AirBnB, die keine eigenen Hotels besitzen, ihre Dienstleistungen ohne Filialen, ohne eigene Handelsabteilungen und ohne Verwahrungsdienstleistungen erbringen. Ausserdem erledigen sie das Portfoliomanagement, das eigentliche Herzstück der Vermögensverwaltung, schneller und effizienter als die traditionellen Privatbanken.

Dank diesen Vorteilen können bereits für kleinere Anlagesummen kostengünstige Dienstleistungen angeboten werden, wodurch neue Kundengruppen Zugang zu professionellem Investment erhalten, das bisher nur wohlhabenden Kunden vorbehalten war. Robo-Advisors tragen somit zur Demokratisierung des Anlagegeschäfts und zur «Financial Inclusion» bei. Man könnte auch von der Entzauberung der Anlageberatung sprechen.

Für Menschen mit limitiertem Fachwissen ist die finanzielle Entscheidungsfindung in einem Umfeld zunehmender Komplexität sehr anspruchsvoll. Gerade Kunden aus durchschnittlichen Haushalten wissen die Verfügbarkeit von kundenfreundlichen und kostengünstigen Online-Beratungs-Tools zu schätzen, denn das Delegieren an einen Robo-Advisor erhöht die Qualität ihrer Entscheidungen. Das gilt nicht nur für die sogenannten Millennials, die mit Computer, Internet und Smartphones aufgewachsen sind, sondern auch für reifere, IT-gängige Semester, die sich gerne selbst informieren. Tatsächlich nimmt die Internetnutzung durch «Silver Surfers» stetig zu.

Wo könnten Robo-Advisors weitere Vorteile für die Kunden bringen? Zum Beispiel in der privaten Altersvorsorge. Es ist offensichtlich, dass die bisherigen Massnahmen in Zukunft nicht reichen werden, um die Sozialwerke im Gleichgewicht zu halten. Die Menschen leben länger und müssen vermehrt selbst fürs Alter ansparen. Hier könnten Robo-Advisors helfen. Niedrige Kosten und langfristiges regelbasiertes Anlegen mit wenigen Umschichtungen dürften die Performance merklich erhöhen.

Menschen bleiben wichtig

Da sind dann noch die Kritiker, die finden, der Beweis stehe noch aus, dass Robo-Advisors mit ihren Anlagealgorithmen auch in Krisenzeiten oder bei einem Marktcrash gut abschnitten; in den vergangenen acht Jahren sei es an den Börsen nur aufwärtsgegangen; die Feuerprobe stehe deshalb noch aus. Hierzu bleibt zu sagen, dass die meisten digitalen Vermögensverwalter einen konservativen Ansatz verfolgen und dass deren Strategien auf den soliden Grundsätzen der modernen Kapitalmarkttheorien basieren. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich also nicht von traditionellen Geldmanagern.

Es ist klar, dass mit Robo-Advisors allein nicht alle Kundenbedürfnisse befriedigt werden können, weil sonst ein Stück Individualität wegen des ausgeprägten Grades an Standardisierung und Automatisierung auf der Strecke bleiben würde. Jedoch kann besser auf persönliche Präferenzen eingegangen werden, sobald der effiziente und systematische Robo-Advisor mit menschlicher Beratungskompetenz kombiniert wird. So werden die menschlichen und digitalen Komponenten in einem «hybriden» Beratungsprozess vereinigt, der Kunden gerade bei wichtigen Lebensereignissen wie Heirat, Häuserkauf oder der Pensionierung gut weiterhelfen kann. In der hybriden Beratung der Kunden bei wichtigen Entscheidungen dürfte denn auch die Zukunft der Finanzberatung liegen.

Die Robo-Advisors sind gekommen, um zu bleiben, und sie werden nicht mehr von der Bildfläche verschwinden. Für etablierte Vermögensverwalter bedeutet dies, dass sie ihre Geschäftsmodelle überprüfen und anpassen müssen, falls sie weiterhin relevante Beratungserlebnisse kreieren und nachhaltige Erträge erwirtschaften wollen. Dies müssen sie nicht zwingend allein bewerkstelligen, denn die Digitalisierung ermöglicht es ihnen, mit den neuen Anbietern zu kooperieren und so einen Mehrwert für alle zu generieren. Descartes Finance arbeitet bereits mit Partnern zusammen, vom unabhängigen Vermögensverwalter bis zum Family Office.


Adriano B. Lucatelli
ist Gründer der Descartes Finance AG, eines unabhängigen Schweizer Robo-Advisors. Der Finanzmarktspezialist ist Dozent an der Universität Zürich und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt von ihm erschienen: «The Fine Art of Efficient Investing» (2015).