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Elitäre Gymnasialbildung – was sonst?

Ernst Buschor präsentierte in der September-Ausgabe wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gymnasialbildung, zog aber die falschen Schlussfolgerungen. Warum weder eine Ausmerzung des Lateins noch Uni-Zulassungsprüfungen aus gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll sind.
Von Artur Terekhov

Offensichtlich sachverständig zitierte Ernst Buschor in der September-Ausgabe des «Schweizer Monat» Fakten zur Gymnasialbildung. Er zeigte die hohen Drop-Out-Raten an Universitäten und stellte das Ziel der allgemeinen Studierfähigkeit in Frage. Basierend auf EVAMAR II des renommierten Erziehungswissenschaftlers Eberle hob er die teilweise signifikanten Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Profilen an den Gymnasien hervor, wobei Alte Sprachen am besten abschneiden, während das Musische Profil klar eindeutig im Hintertreffen ist. Diese Analyse verdient Applaus. Dass Buschor auf Basis dieses Erkenntnisstandes bei seinem Zweitypenmodell aber nicht dezidiert Position für Alte Sprachen bezieht, sondern gar noch eine hohe Gymnasialquote, dafür aber Uni-Zulassungsprüfungen fordert, mutet realsatirisch an. Es verdeutlicht, dass auch Buschor in seinem Denken dem Zeitgeist erlegen ist. Denn eine Abschaffung der Alten Sprachen hätte Konsequenzen, welche weder gesamtgesellschaftlich noch volkswirtschaftlich wünschenswert wären.

Eine altsprachliche Lösung hält Buschor für nicht angebracht, da nur wenige Gymnasiasten dieses Angebot wählen würden. Es ist aber problematisch, das gymnasiale Angebot auf die Nachfrage der Schüler auszurichten. Wo der Steuerzahler durch Zwangsabgaben eine Einrichtung finanzieren muss, sind auch Effizienz, Qualität und hohes Niveau erwünscht. Es ist schliesslich klar, dass Gymischüler (wie die meisten Menschen) den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Wenn also bekannt wird, dass eine Musische Matur theoretisch zu jedem Studium befähigt, fehlt bei vielen Gymnasiasten zum Zeitpunkt der Profilwahl die langfristige Sicht, durch welche ihnen offenbar würde, dass sich die profilübergreifenden Unterschiede auch im vermittelten Stoff niederschlagen. Dass der Durchschnittsbürger mit möglichst wenig Aufwand das grösstmögliche Mass an Erfolg erwirtschaften will, ist nicht verwerflich, folgt gar aus dem gesunden Menschenverstand. Es zeigt aber auch, dass eine Waldorf-Pädagogik mit Lust-und-Laune-Wahlfreiheit bei der Frage des Profilangebotes nicht zielführend wäre.

Die Auswahl von Latein als Schwerpunktfach des altsprachlichen Profils ist keineswegs willkürlich. Vielmehr entspricht sie dem antiken Bildungsprogramm, das auf den sieben artes liberales aufbaute und von Renaissancehumanisten wie Erasmus von Rotterdam erfolgreich rezipiert wurde – im Sinne einer breiten Allgemeinbildung, welche für eine praxisnahe, aber doch hochstehende Universitätsausbildung unabdingbar ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass gemäss EVAMAR II noch heute Maturanden des Altsprachlichen Profils über die breiteste Allgemeinbildung, die beste generelle Studierfähigkeit und grösste gesellschaftliche Reife verfügen. Hinzu kommen ein ausgesprochener Hang zu analytischem Denken, praxisorientierter Problemlösung und Analogienbildung. Die Gründe hierfür liegen in der lateinischen Sprache selbst, welche eine hohe formale Schwelle bildet und dadurch Analytik und Analogienbildung fördert. Als Fortentwicklung der indogermanischen Sprachwurzel, die den meisten heutigen europäischen Sprachen zugrunde liegt, sieht man an ihr den Ursprung der historischen Sprachentwicklung. Mittels linguistischer Phänomengruppen wie der Mittelsilbenschwächung oder durch Hilfsmittel wie das Vokaldreieck wird die Analogienbildung über den sprachlichen Bereich hinaus gefördert. Dieses vernetzte Denken hilft z. B. beim Erlernen weiterer Fremdsprachen. Hinzu kommt, dass im Lateinischen sowohl in der Verbal- wie auch der Nominalform sämtliche grammatikalischen Informationen vorhanden sind, sodass beispielsweise Personalpronomina obsolet werden und nur im Falle besonderer Betonungsnuancen stehen. Das erfordert eine hohe Abstraktionsfähigkeit, weshalb Latein auch als «Mathematik der Sprachen» bezeichnet wird.

Man sieht also: Wer Latein wählt, hat nicht nur einen sprachlich erweiterten Horizont, die analytischen Fähigkeiten des vernetzten Denkens lassen sich auch in anderen Disziplinen nutzen und vermindern den ökonomischen Aufwand gerade im Bereich des Auswendiglernens. Eine Abkehr vom Latein führt paradoxerweise dazu, dass im 21. Jahrhundert mit seiner Zunahme an der multimedialen Omnipräsenz von Zahlen und Fakten, die unser Gedächtnis eigentlich entlasten könnte, das Auswendiglernen an diversen Institutionen der Tertiärstufe zunimmt, insbesondere in Assessment-Jahren. Das Verstehen von Zusammenhängen tritt dagegen in den Hintergrund, da die Gymnasien ihre «Siebfunktion» im Hinblick auf die allgemeine Studierfähigkeit unzureichend wahrnehmen. Und da Auswendiglernen zwar zeitaufwendiger, aber doch einfacher ist als Nachdenken, führt diese Input-Output-Bildung in der Bevölkerung zu einer zunehmenden Akademikerskepsis. Vor diesem Hintergrund ist einem Rückgang der Alten Sprachen an den Gymnasien höchst kritisch zu begegnen. Man sollte – selbst wenn dadurch die Maturquote wieder sänke – ein Lateinobligatorium an Gymnasien oder zumindest (wie früher) ein doppeltes Notengewicht für Kernfächer wie Deutsch, Latein und Mathematik erwägen. Da das Nachdenken die gesamtgesellschaftliche Reife stärker fördert als das Auswendiglernen, ist Latein an den Gymnasien vor dem Hintergrund der Zielorientierung an der allgemeinen Studierfähigkeit keineswegs veraltet, sondern eine Notwendigkeit. Dadurch könnte die Maturquote zwar auf den Status der 80er- oder 90er-Jahre sinken, würde aber die Anerkennung der Berufsbildung fördern.

Mein Ansatz ist somit das Gegenteil desjenigen Buschors. Es sollen die Gymnasien sein, die mit einer tiefen Maturquote für eine allgemeine Studierfähigkeit sorgen und nicht die Unis mit Zulassungsprüfungen. Das ist auch gerade volkswirtschaftlich sinnvoll. Man führe sich vor Augen, welchen Zuwachs das BIP hätte, wenn die Menschen, die früh genug erkennen, dass ihre Fähigkeiten für eine Hochschulbildung und eine spätere Verantwortungsposition in Gesellschaft, Politik, Medizin, Wirtschaft oder anderswo nicht genügen, bereits (mindestens) drei Jahre früher, also nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit anstatt erst nach der Matura oder mehreren erfolglosen Studienjahren, in die Berufswelt einstiegen. Das würde auch den Steuer- und AHV-Zahler entlasten, für welchen die zunehmenden Kurzlehren nach der Matura (durch verfehlte Bildungspolitik künstlich verzögerter Einstieg in die Berufswelt) kein Segen sind. Völlig klar ist, dass diese Position dem Mainstream widerspricht und deswegen sowie aufgrund des internationalen Drucks – wir sind allesamt von Ländern mit mindestens doppelt so hoher Maturquote umgeben – bezüglich Ausbildungsanerkennung schwierig zu vertreten sind. Sie sind aber vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Entwicklung nur nötig und so war es nicht Fremdenfeindlichkeit, sondern ironischerweise entgegen jeglichem Hochschulmainstream primär die berechtigte Sorge um den Bildungsstandort Schweiz, welche den Autor dieser Zeilen dazu veranlasst hat, die SVP-Masseneinwanderungsinitiative zu befürworten und die Personenfreizügigkeit zu verwerfen. Ich mag durchaus elitär sein, ja, aber das ist auch gut so – für mich wie meinen Nächsten!

 

Artur Terekhov hat eine altsprachliche Matura und ist Student der Rechtswissenschaften. Er ist Mitglied des Vereins «Freunde der Alten Sprachen» (FAS; www.fautores.ch) und engagiert sich bei NoBillag sowie als Co-Präsident der Entwicklungshilfeinitiative.




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