Schweizer Monat
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Einwurf #2: Das Leuchten

Auf institutionellen Beinen erst lernt der Liberalismus laufen. Und wird: lebendig.
Von Olivia Kühni

Der Gedanke ist noch immer jung. Er ist revolutionär, explosiv und von solcher Schönheit, dass er mir erst vor wenigen Wochen wieder die Tränen in die Augen trieb. Ich stolperte an einem heissen Sommertag über ein weites Feld gleissend heller Steinplatten, blinzelte, und da stand es geschrieben: «Equal Justice under Law», in riesigen Lettern in die Stirnseite des Supreme Court in Washington gemeisselt. Alle Menschen gleich vor dem Gesetz. Ich musste an Richterin Ruth Bader Ginsburg denken, 1933 in eine kleine jüdische Arbeiterfamilie in Brooklyn geboren, eine der ersten Frauen in Harvard und Columbia, einer der brillantesten juristischen Köpfe des Jahrhunderts und seit mittlerweile 24 Jahren die konsequenteste Kämpferin für mehr Rechtsgleichheit am obersten amerikanischen Gericht. Ich dachte an Bader Ginsburg hinter diesen weissen Mauern und weinte.

Ich schäme mich nicht dafür. Die Idee, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist, dass jeder Mensch politische Rechte hat und Wege, sie einzuklagen, mag vielen – zu vielen – selbstverständlich scheinen. Das ist es nicht und wird es nie sein. Erst seit ein paar hundert Jahren sehen sich Menschen überhaupt als Individuen. Danach meinten sie mit «jeder Mensch» lange Zeit nur christliche Männer mit Grundbesitz. Seit wenigen Generationen, einem Wimpernschlag in der Geschichte, und nur in einigen Teilen der Welt, bedeutet «jeder Mensch» zunehmend wirklich: alle. Und selbst dort, wo Freiheitsrechte und Grundrechte niedergeschrieben sind, bleiben sie ewig in Gefahr: Gibt es keine Menschen, die sie aufrechterhalten, keine Bürger, Journalisten, Verfassungsrichterinnen, Lehrer – keine Institutionen –, lösen sie sich in kürzester Zeit auf.

Sie mögen mir das Pathos verzeihen, liebe Leserin, lieber Leser. Ich beschreibe, was Liberalismus für mich bedeutet, und darunter mache ich es nicht. Es geht wirklich um nichts weniger als das: eine Welt zu bauen, in der möglichst viele Menschen frei und unbehelligt ihre Kreativität, ihre Intelligenz und Tatkraft einbringen können. Ich halte das nicht nur philosophisch für den richtigen Weg – wer andere einschränkt oder ihnen Leid zufügt, braucht dafür eine gute Rechtfertigung –, ich halte es auch ganz pragmatisch für den richtigen Weg. Die Welt wird blühender, reicher und klüger, je mehr Leute mitarbeiten. Kooperation lohnt sich. Wem das die eigene Lebenserfahrung nicht sagt, der sollte sich vom beispiellosen Wachstum an Freiheit, Wohlstand, Innovation und Gesundheit überzeugen lassen, den liberale Schübe in der Geschichte immer mit sich gebracht haben – zuletzt und am deutlichsten in den letzten zweihundert Jahren.

Das also ist der Kompass, an dem ich mich auszurichten suche: Macht ein bestimmter politischer Vorschlag die Menschen langfristig mutiger, freier, kreativer – oder würgt er ihr Engagement ab? Dient eine staatliche Subvention als Investition in vielversprechende Technologien, die sonst nicht getätigt würde – oder als Geschenk für eine veraltete Industrie, deren Filz eine ganze Region in ihrer Entwicklung hemmt? Sowieso: Fliesst Geld direkt an Menschen und in Projekte – oder in Bürokratien? Haben wir gute öffentliche Schulen? Lassen wir Scheitern, Abstürze und Aufstiege zu? Das sind entsprechend Fragen, die für mich zählen. Dass manche heute Liberalismus mit der Formel «weniger Staat» gleichsetzen, ist eine intellektuelle Verarmung und eine Beleidigung für all jene, die für die Freiheit ihr Leben liessen. Wir brauchen nicht primär «weniger Staat». Wir brauchen intelligent gebaute, solide finanzierte und gut kontrollierte Institutionen. Ohne gehen wir in der Dunkelheit verloren, die wir Menschen ebenso in uns tragen wie Glaube, Liebe, Hoffnung. 


Olivia Kühni
ist stv. Chefredaktorin dieser Zeitschrift.




Kommentare zu diesem Artikel

Thomas
6. Juli 2017 23:57
Wir werden nicht darum herum kommen, den Staat wieder zu verkleinern! Etatismus hat nichts mit Liberalismus zu tun, im Gegenteil. Das Wohl der Verwaltung darf nicht über dem Wohl der Gesellschaft stehen.
Die letzten 200 Jahre waren erfolgreich, aber nur so lange, wie der Staat nicht überbordet ist. In den letzten Jahrzehnten lebte der Westen nun aber nur noch auf Pump. Die Verschuldung ist enorm angewachsen. Das geht nicht mehr lange gut!
Vera Kehrli
15. Juli 2017 20:17
"Es geht wirklich um nichts weniger als das: eine Welt zu bauen, in der möglichst viele Menschen frei und unbehelligt ihre Kreativität, ihre Intelligenz und Tatkraft einbringen können."

Das finde ich eine schöne Definition. Daraus geht auch eindeutig hervor, dass Liberalismus nicht mit Verbrennungsmotoren vereinbar sind. Diese vergiften nämlich unsere Kinder, und machen sie somit unfrei und behelligt.

Schade eigentlich, dass die vielen Liberalen nie darauf aufmerksam machen, dass der heutige MIV mit Liberalismus unvereinbar ist.

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