Schweizer Monat
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Die öffentliche Blattkritik

Die Ausgaben des «Schweizer Monats» werden von einem eingeladenen Gast beurteilt. Im Sinne der Transparenz veröffentlichen wir die Essenz der Blattkritik jeweils online.
Von Gaudenz Looser, Edith Hollenstein

Schweizer Monat / Ausgabe 1044
März 2017

Von Edith Hollenstein

Das Hauptthema mit dem Titel «Viel Arbeit» finde ich sehr ansprechend. Die Frage nach den Auswirkungen der vierten Industriellen Revolution und ob damit extrem viele Jobs verloren gehen und Arbeitslosigkeit droht oder nicht, ist aktuell. Für mich überraschend kommt die Information im Anriss: Bis 2030 fehlen rund eine halbe Million Arbeitskräfte? Ich hätte spontan eher das Gegenteil erwartet… Das klingt spannend und interessiert mich; deshalb lese ich denn auch dieses Interview auf den Seiten 66 und 67 als erstes. Mir fällt das ansprechende Layout auf, das grosse Bild von Burth Tschudi gefällt mir gut, der Titel im Kontext zum gut formulierten Lead ist ansprechend.

Das Interview selbst hat an einigen Stellen etwas Luft. Meines Erachtens weist es Stellen auf, die man besser hätte redigieren können. Formulierungen wie «Umwälzungen und Veränderungen», «richtige Weiterbildung aktiv fördern und fordern» kann man kürzen. Auch die Fragen sind mir teilweise zu lang und zu umständlich formuliert; mir werden auch zu viele Bezüge zu Studien gemacht. Der Rhythmus des Gesprächs, also der Wechsel zwischen konkreter und System-Ebene und zwischen langen und kurzen Fragen und Antworten, gefällt mir jedoch gut. Das Gespräch hat einen erkennbaren roten Faden und einen guten Spannungsbogen. Bei den Textboxen daneben habe ich mich gefragt, warum hier die Interviewform (Frage/Antwort) gewählt wurde.

Anschliessend an das Titelthema habe ich das Dossier hinten im Heft durchgeblättert, ohne aus spontanem Interesse mit Lesen zu beginnen – worauf ich wieder beim Inhaltsverzeichnis und dann bei der Kolumne «Res publica» von Nadine Jürgensen gelandet bin. Sowohl die Kurzbiographie der Autorin als auch das Thema «Engagement in der Arbeitswelt» sprechen mich spontan sehr an. Die Kolumne ist sehr gut geschrieben und auch konkret. Einen Satz allerdings habe ich nicht verstanden: «Oder wollen wir, dass der Einsatz der Eltern künftig ausschliesslich von (schlechter bezahlten) Dritten ersetzt wird, damit ja keine Arbeitskraft verloren geht?» Nach mehrfachem Lesen ist mir noch immer nicht ganz klar, wen die Autorin mit den «schlechter bezahlten Dritten» meint und welchen Einsatz sie anspricht. Als Anregung wäre es allenfalls gut, mit einem anderen Satz einzusteigen, so dass der Leser sofort und unmittelbar im Thema drin ist und neugierig wird auf das, was folgt. Aus meiner Sicht hätten sich «krankes Kind im voraus planen» oder auch «engagierte Bürger sind meist auch engagierte Mitarbeiter» als Einstieg besser geeignet.

Als besonderen Fokus meiner Kritik untersuchte ich die Texteinstiege. Dabei habe ich alle Einstiegssätze der insgesamt 17 Artikel markiert und in folgende vier Kategorien eingeteilt (1 steht für «weniger ansprechend», 4 für «sehr ansprechend»):

4 – sehr ansprechende Texteinstiege: 2 («Ein Glas Wein mit Sven Mumenthaler», S. 34, und «Das dreifache Ende der Kunst», S. 44)
3 – ansprechende Texteinstiege: 5
2 – neutrale Texteinstiege: 5
1 – weniger ansprechende Texteinstiege: 5

Das Exemplar mit den markierten und kategorisierten Stellen steht der Redaktion zur Verfügung.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass der erste Satz eines Texts den Leser direkt ins Thema, in das Geschehen hineinversetzt. Dies geschieht am leichtesten über einen konkreten, kurzen Satz. Idealerweise verblüfft er den Leser. Auch bei Interviews ist die erste Frage sehr wichtig.

Positiv aufgefallen sind mir die Anrisse in der Inhaltsübersicht auf Seite 5. Formulierungen wie «traf eine debattierfreudige Ökonomin» oder «beim gemeinsamen Mittagessen» schaffen Nähe zum Autor, zum Thema, zum Interviewten. Etwas irritiert hingegen war ich über die Formulierung «eine gut vorbereitete Ökonomin», denn meiner Meinung nach würde niemand von einem männlichen Interviewpartner explizit erwähnen, dass er gut vorbereitet war.

Weiter positiv aufgefallen ist mir das Format «Fehlerkultur» auf der letzten Seite. Es zeigt die Absicht der Redaktion, selbstkritisch mit den Lesern im Dialog sein zu wollen.


Edith Hollenstein
ist Redaktionsleiterin von Persoenlich.com.

Schweizer Monat / Ausgabe 1043
Februar 2017

Von Gaudenz Looser

 Vorbemerkung: Meine Blattkritik ist subjektiv, unmittelbar meinen Reaktionen während der Lektüre folgend. Ich bin der Meinung, so bringe sie der Redaktion am meisten – als ein authentisches Bild über die Wahrnehmung ihres Produktes durch einen ihrer Leser. Wenn die Redaktion am Ende darüber erleichtert ist, dass sie das Blatt machen und nicht ich, kann ich damit gut leben.

Ich stelle mir die Zielgruppe des «Schweizer Monats» wie folgt vor: gebildet, mit hoher wirtschaftlicher Potenz, wahrscheinlich schon seit Generationen Schweizer. Wichtiger: sie ist sehr gut informiert, geizig mit ihrer Zeit, schnell in ihrer Entscheidung, hart im Urteil.

Was will ein Angebot für diese Zielgruppe? Ich glaube:

  1. erstklassige Hintergrundinformation (Fakten)
  2. Denkanstösse auf höchstem Niveau (Meinung)
  3. elitäre Zerstreuung (Unterhaltung).

 

Der Themenüberblick vor der Lektüre
Aus der Sicht der von mir imaginierten Zielgruppe ist der Themenmix der Februarausgabe wenig überraschend, aber durchaus attraktiv: Intelligentes zum – nach wie vor grossteils rätselhaften – Thema Negativzinsen (Hoffmann/Schnabl; Geiger) ist hochwillkommen. Selbiges gilt für die SVP-Initiative (Saxer). Die Investmentgeschichte (Grob) sollte mal besser Hand und Fuss haben, die Zielgruppe ist da schliesslich zu Hause. Einen wirklich überraschenden Blick auf die Welt verspricht Roser (da habe ich allerdings schon auf Twitter nachgeschaut). Die Hochschulgeschichte (Dossier) bleibt rätselhaft, Longchamp (Nacht des Monats) müsste nicht sein.


DETAILS ZU DEN INHALTEN

Intro des Chefredaktors (Wiederstein)
Das Zitat als Parole des liberalen Geistes ist richtig und wichtig, das Lamento über den Niedergang der Eigenverantwortung für die Freiheit aber ein Abturner. Und: brauchen die (liberalen) Abonnenten wirklich diese ständige Selbstbestätigung? Mein Verdacht: der erste Absatz und das Zitat sind reine Warmschreiber. Die Substanz kommt ab dem zweiten Abschnitt, die Argumentationslinie ist aber leider nur summarisch skizziert: Da hätte ich gerne mehr gelesen. In Abschnitt drei kommt dann der langersehnte Pfeffer: Der Chefredaktor teilt aus, verteilt Prädikate und malt einen gewaltigen Gesellschaftskonflikt an die Wand – wow, das will ich lesen! (Bloss: Im richtigen Leben wäre ich beim zweiten Satz ausgestiegen).

Schwerpunkt Negativzins
Beim Text über die EZB (Hoffmann / Schnabl) wird das Produktversprechen uneingeschränkt eingelöst: Der Text ist von A bis Z dicht, strotzt von spannenden Fakten und – für mich – neuen Perspektiven auf das Thema und regt zum Denken an. Die explosiven Thesen kommen aber trotz drei Inhaltsverzeichnissen und einem Intro sehr überraschend. Auch Geiger ist erstklassig – man sollte seinen Input dringend vertiefen. Die alternativen Investments sind intelligente Unterhaltung – stellenweise vielleicht etwas zu subjektiv und für Menschen, die das Problem wirklich haben, etwas zu leicht.

Interview Max Roser (Kühni)
Grossartiger Einstiegssatz: «Es ist, als würde er täglich ein Licht anzünden.» Das bringt es sofort auf den Punkt: So will ich lesen. Das Interview liest sich fabelhaft, auch hier gilt: Über diesen Mann sollte man noch viel mehr schreiben. Optisch kommen mir aber sein Werk, die Grafiken, viel zu klein, das steinerne Oxford und die Bücherwürmerei viel zu gross raus – der mutmasslich angestrebte Kontrast kommt nicht zum Tragen. Und: auch hier sind die szenischen Informationen über die Autorin für die Geschichte nicht wesentlich.

Essay von Urs Saxer (Selbstbestimmungsinitiative)
Eine spannende Argumentation, Saxer scheint Vogt geradezu zu zerpflücken. Leider versäumt er es, dem Anliegen der Initiative auch konstruktiv zu begegnen und Ansätze zu einem Ausweg aufzuzeigen, was den schalen Nachgeschmack des politischen Geplänkels hinterlässt.

Dossier: Fachhochschulen
Titel: «Die Befähigungsinstitution»: Frech, ironisch (?), mal sehen.
Untertitel: «Wie innovativ sind Schweizer Fachhochschulen?»: Okay, ist darauf eine Antwort zu erwarten? Die sechs Storytitel versprechen nichts dergleichen. Eine Einleitung, die mit «Vor gut 20 Jahren» beginnt, will ich aufgrund des bis hierher entstandenen Informationsvakuums nicht lesen. Nach «Unter dem Banner ‹Gleichwertig, aber andersartig›» steige ich aus: Ich will keine Festreden lesen. Dann: schöne, farbige Grafiken, aber ihre Aussagen ziehen mich auch nicht zurück in den Text. Erst bei Patrik Schellenbauer gelingt mir wieder der Einstieg. Er kommt sofort auf den Punkt, beschreibt echte Spannungsfelder. Bernhard Pulvers Text ist gut geschrieben, aber inhaltlich kaum überraschend. Der Geschmack der Festrede will nicht ganz weichen.


Fazit
Das von mir angenommene Produktversprechen wurde vielerorts eingelöst: Ich war während der Lektüre mehrfach von Ideen elektrisiert und werde meine Mitarbeiter umgehend anhalten, den «Schweizer Monat» aufmerksam zu verfolgen. Für eilige und extrem schnell gelangweilte Leser ist es aber bisweilen mühselige Arbeit, bis zu diesen Juwelen vorzustossen. Das optische Understatement mag gewollt sein – mich macht es traurig. Meine These: Man könnte protestantisch-zurückhaltend bleiben und die erstklassigen Inhalte trotzdem besser – präziser und effektiver – verkaufen.


Gaudenz Looser
ist stv. Chefredaktor von «20 Minuten».