Schweizer Monat
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Die öffentliche Blattkritik

Die Ausgaben des «Schweizer Monats» werden von einem eingeladenen Gast beurteilt. Im Sinne der Transparenz veröffentlichen wir die Essenz der Blattkritik jeweils online.
Von Gaudenz Looser, Edith Hollenstein, Peter Hartmeier

Schweizer Monat / Ausgabe 1045
April 2017

Von Peter Hartmeier

1. Ausgangslage / Kriterien der Blattkritik

Wenn ich diese Publikation lese, will ich mit neuen Gedanken, mit bisher unbekannten Ideen und überraschenden Einfällen konfrontiert werden. Da das Heft in der Unterzeile als «Autorenzeitschrift» firmiert, will ich starken, eigenständigen publizistischen Persönlichkeiten begegnen. Für eine Leistung, die diesen Kriterien entspricht, bin ich bereit, 22 Franken zu zahlen.

2. Titel

Es werden zwei Themen angekündigt: «Frankreich im Land des ständigen Ausnahmezustandes» und «Technologien, die Machtverhältnisse verändern». Die Schlagzeile zu Frankreich verheisst keine neuen Erkenntnisse; die Schlagzeile zu «Technologien» stösst intuitiv auf mein Interesse; sofort vergleiche ich die «Schweizer-Monat»-Titelgeschichte mit jener des «Spiegel», der in der gleichen Woche die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Digitalisierung untersucht. Das Bild vom über die Drohne staunenden Konrad Hummler ist auf den zweiten Blick amüsant und löst Nachdenklichkeit aus; allerdings muss man es genauer anschauen, um die Botschaft zu erkennen. Für eine Publikation, die nicht am Kiosk in Sekundenschnelle den Käufer überzeugen muss, spielt das möglicherweise keine Rolle. Als verfehlt beurteile ich die Titelschlagzeile «Ausser Kontrolle?». Vom «Schweizer Monat» erwarte ich keine Fragezeichen, sondern Antworten. (Fragen, auf die ich keine Antwort weiss, habe ich selbst genug.)

3. Inhaltsverzeichnis, Seiten 4/5

Falls die Redaktion gemäss den Kriterien der Leserführung die Themenwahl erleichtern möchte, ist die so gestaltete Doppelseite unbrauchbar. Sie ist graphisch attraktiv, aber nicht sehr hilfreich (zum Beispiel zu grosse Seitenzahlen statt Titel und viel zu lange Texte). Der Leser beginnt dann halt selbst zu blättern und zu suchen, was ihn interessiert.

4. Intro (Editorial), Seite 7

Der Chefredaktor widmet sich dem grossen Thema «Freiheit» und stellt ein originelles Zitat von Wilhelm Busch an die Spitze. Das klug ausgewählte Zitat bleibt aber alleine und es wird kein Bezug darauf genommen; stattdessen erzählt der Autor von seinen Armee-Erlebnissen und der dort beobachteten Freiheitseinschränkung. Diesen Gedanken habe ich schon öfter gelesen. Der zweitletzte Abschnitt hingegen ist herausfordernd: Er regt zum Denken an – aus diesen sieben Zeilen hätte man das Editorial entwickeln sollen.

5. Freie Sicht / Res publica, Seite 8

Auch persönlich verfasste Kolumnen und Kommentare müssen mit den Autoren diskutiert werden – entweder bevor sie zu schreiben beginnen oder dann im Nachhinein, wenn die erste Fassung vorliegt: Nadine Jürgensens stilistisch munter daherplätschernder Text ist ein solches Beispiel – gerade weil sie eine durchaus originelle These vertritt: Sie müsste aber härter, präziser und konkreter ausgeführt werden. Die Autorin dürfte nämlich mit ihrem Plädoyer gegen reine Männerrunden bei Podiumsgesprächen, Talkshows etc. bei vielen Moderatoren auf offene Ohren stossen. (Ich weiss, wovon ich spreche!)

6. Frankreich, Seiten 10–24

Köstliche Doppelseite mit einfallsreichem Titel, blauem Himmel und gallischem Hahn. Allerdings lockt der Lead nicht unbedingt zum Lesen: ich erwarte vom «Schweizer Monat» gemäss meinem Kriterium der Blattkritik keinen beschreibenden Nachrichtentext («verschreckt, ängstlich, orientierungslos»), sondern die Ankündigung einer These, einer Interpretation, einer prononcierten Meinung. – Das graphische Stilmittel (lange kursiv gedruckte Bildlegenden mit persönlichen Eindrücken des Autors) halte ich für problematisch: ich vermute, dass der Leser gar nicht einsteigt oder bald wieder aussteigt – was schade ist: die kleinen Texte sind Highlights, sprachlich und inhaltlich; sie vermitteln Denkanstösse (z.B.: Chambre d’hôte ohne Schlüssel; französische Steuerämter, die den Bürger beraten, damit er keinen Cent zu viel zahlt; die kühne Behauptung, Merkel und Schulz würden sich kaum unterscheiden). Der Autor bringt eine Fülle von Fakten: der Leser merkt sofort, dass Ronnie Grob Frankreich kennt. Aufgrund dieser offensichtlichen Kenntnisse des Autors erwarte ich eine etwas präzisere Fragestellung mit einer entsprechenden Antwort; Vorschläge: «Warum tut sich Frankreich so schwer mit der Wirtschaft – lieber ein hoher Staatsposten als Manager in einem Unternehmen? Woher kommt das Misstrauen gegen Marktmechanismen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rückgang der Wichtigkeit der französischen Kultur und Sprache und der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit? Gibt es eine französische Schizophrenie: sie hassen den Staat und liefern sich ihm gleichzeitig aus?» Die Analyse des Ökonomieprofessors Jean-Marc Daniel beurteile ich eher kritisch – viele interessante Fakten, die wir zum Teil aber schon kennen («Kurzfristig müssen wir die öffentlichen Ausgaben reduzieren»), statt einer grundsätzlichen Fragestellung mit einer entsprechenden Antwort. Beispiele: «Warum tut sich Frankreich, als ehemalige Kolonialmacht, so schwer, sich konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt zu behaupten? Was stimmt mit der französischen Wirtschaft nicht? Liegt es an den traditionellen Eliteschulen wie ENA und Science Po, die weder mit Harvard, mit London School of Economics noch mit unserer HSG konkurrieren können? Oder liegt es an der Sprachunfähigkeit der Franzosen: sie können nur Französisch sprechen, fühlen sich nur in ihrer Kultur sicher und verpassen entsprechend die Globalisierung der Wirtschaft?»

7. Whistleblowing, Seiten 25–33

Durchaus interessantes Interview mit der Spezialistin Zora Ledergerber; die wichtigen Fragen werden gestellt, mit einer Ausnahme: Die Versuchung, Indiskretionen, vertrauliche Informationen, über Social Media bekanntzumachen, statt über Journalisten der traditionellen Medien, ist enorm gross geworden: was bedeutet das? – Anregung: Um dem Beitrag mehr Spannung zu verleihen, sollte man eine solche Spezialistin mit einem dafür Verantwortlichen in einem grossen Unternehmens konfrontieren: Wie geht ein Unternehmen in der Praxis mit den Forderungen und Erkenntnissen der Spezialistin um? – Das Bild von Frau Ledergerber ist, vermute ich, ein Archivbild – durchaus geeignet für ein CV, aber nicht für ein Interview, vor allem nicht in dieser Grösse: zu harmlos, ohne Spannung angesichts der Fragestellungen. Optik und Text müssen sich in einem Printmedium ergänzen. – Der Beitrag von Eric-Serge Jeannet hat interessante Passagen; er würde deshalb durch Kürzungen an Prägnanz und Aussagekraft gewinnen.

8. Ein Glas Wein mit…, Seite 34

Angenehm zu lesender, überraschender Text. Doch auch ein Printmedium sollte nützlich sein: Bei welcher Adresse kann ich diesen Wein aus dem Kanton Glarus bestellen?

9. Wortwechsel, Seite 35

Ich bleibe etwas ratlos, was die Autorin mir eigentlich sagen will. Der Schlusssatz ist entlarvend: «Darüber indes kann man streiten.» Muss ich, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, eine Kolumne lesen?

10. Kultur: «Am Rande des Schwarms», Seiten 36– 49

Für mich ist dieser Text eine Entdeckung – blattmacherisch und graphisch wunderbar aufgemacht. Deshalb machen Printpublikationen auch im Jahre 2017 Freude!

11. Macht – Wie die Digitalisierung Geld und Einfluss neu verteilt, Seiten 51–87

Hervorragend gewähltes Thema, insgesamt gut gelöst, und auch zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht. Schwachpunkt ist die Eröffnung: es darf nicht sein, dass diese gescheite Redaktion, bestehend aus gutinformierten Menschen, von denen ich etwas lernen will, mir ein nichtssagendes Zitat eines Schweizer Managers voranstellt. Digitalisierung ist ein Weltthema: bedeutende Köpfe auf der ganzen Welt haben Bedeutendes dazu gesagt. Stark sind die Texte von Adrienne Fichter und Hannes Grassegger, von denen ich etwas lernen kann. Sprachlich vergnüge ich mich an Konrad Hummler: Der Mann kann einfach schreiben. Ich halte vortrefflich formulierte Beiträge im «Schweizer Monat» für essentiell. Für mich enthielt der Aufsatz von Christian Jaag Neuigkeiten: Das Kriterium, Neues zu lernen und Zusammenhänge erklärt zu bekommen, ist ein Grund, diese Publikation zu lesen. Zu Linda Liukas: die kecke Photographie der Autorin dürfte dazu führen, dass der Beitrag überdurchschnittlich gelesen wird. Extrem nützlich ist das Plädoyer von Alain Gut, weshalb Informatik in die Schulen gehört. Bis zu Lektüre dieses Textes war ich einfach intuitiv dafür – jetzt weiss ich auch noch, warum: klare These, klare Begründung, geschrieben in einer nachvollziehbaren Sprache – so muss der «Schweizer Monat» sein.

12. Nacht des Monats Seite 88

Als Mensch, der gerne isst und trinkt, ein Text für mich.


Peter Hartmeier
ist Partner/Co-Owner von Lemongrass Communications AG in Zürich. Von 2002 bis 2009 war er Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

Schweizer Monat / Ausgabe 1044
März 2017

Von Edith Hollenstein

Das Hauptthema mit dem Titel «Viel Arbeit» finde ich sehr ansprechend. Die Frage nach den Auswirkungen der vierten Industriellen Revolution und ob damit extrem viele Jobs verloren gehen und Arbeitslosigkeit droht oder nicht, ist aktuell. Für mich überraschend kommt die Information im Anriss: Bis 2030 fehlen rund eine halbe Million Arbeitskräfte? Ich hätte spontan eher das Gegenteil erwartet… Das klingt spannend und interessiert mich; deshalb lese ich denn auch dieses Interview auf den Seiten 66 und 67 als erstes. Mir fällt das ansprechende Layout auf, das grosse Bild von Burth Tschudi gefällt mir gut, der Titel im Kontext zum gut formulierten Lead ist ansprechend.

Das Interview selbst hat an einigen Stellen etwas Luft. Meines Erachtens weist es Stellen auf, die man besser hätte redigieren können. Formulierungen wie «Umwälzungen und Veränderungen», «richtige Weiterbildung aktiv fördern und fordern» kann man kürzen. Auch die Fragen sind mir teilweise zu lang und zu umständlich formuliert; mir werden auch zu viele Bezüge zu Studien gemacht. Der Rhythmus des Gesprächs, also der Wechsel zwischen konkreter und System-Ebene und zwischen langen und kurzen Fragen und Antworten, gefällt mir jedoch gut. Das Gespräch hat einen erkennbaren roten Faden und einen guten Spannungsbogen. Bei den Textboxen daneben habe ich mich gefragt, warum hier die Interviewform (Frage/Antwort) gewählt wurde.

Anschliessend an das Titelthema habe ich das Dossier hinten im Heft durchgeblättert, ohne aus spontanem Interesse mit Lesen zu beginnen – worauf ich wieder beim Inhaltsverzeichnis und dann bei der Kolumne «Res publica» von Nadine Jürgensen gelandet bin. Sowohl die Kurzbiographie der Autorin als auch das Thema «Engagement in der Arbeitswelt» sprechen mich spontan sehr an. Die Kolumne ist sehr gut geschrieben und auch konkret. Einen Satz allerdings habe ich nicht verstanden: «Oder wollen wir, dass der Einsatz der Eltern künftig ausschliesslich von (schlechter bezahlten) Dritten ersetzt wird, damit ja keine Arbeitskraft verloren geht?» Nach mehrfachem Lesen ist mir noch immer nicht ganz klar, wen die Autorin mit den «schlechter bezahlten Dritten» meint und welchen Einsatz sie anspricht. Als Anregung wäre es allenfalls gut, mit einem anderen Satz einzusteigen, so dass der Leser sofort und unmittelbar im Thema drin ist und neugierig wird auf das, was folgt. Aus meiner Sicht hätten sich «krankes Kind im voraus planen» oder auch «engagierte Bürger sind meist auch engagierte Mitarbeiter» als Einstieg besser geeignet.

Als besonderen Fokus meiner Kritik untersuchte ich die Texteinstiege. Dabei habe ich alle Einstiegssätze der insgesamt 17 Artikel markiert und in folgende vier Kategorien eingeteilt (1 steht für «weniger ansprechend», 4 für «sehr ansprechend»):

4 – sehr ansprechende Texteinstiege: 2 («Ein Glas Wein mit Sven Mumenthaler», S. 34, und «Das dreifache Ende der Kunst», S. 44)
3 – ansprechende Texteinstiege: 5
2 – neutrale Texteinstiege: 5
1 – weniger ansprechende Texteinstiege: 5

Das Exemplar mit den markierten und kategorisierten Stellen steht der Redaktion zur Verfügung.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass der erste Satz eines Texts den Leser direkt ins Thema, in das Geschehen hineinversetzt. Dies geschieht am leichtesten über einen konkreten, kurzen Satz. Idealerweise verblüfft er den Leser. Auch bei Interviews ist die erste Frage sehr wichtig.

Positiv aufgefallen sind mir die Anrisse in der Inhaltsübersicht auf Seite 5. Formulierungen wie «traf eine debattierfreudige Ökonomin» oder «beim gemeinsamen Mittagessen» schaffen Nähe zum Autor, zum Thema, zum Interviewten. Etwas irritiert hingegen war ich über die Formulierung «eine gut vorbereitete Ökonomin», denn meiner Meinung nach würde niemand von einem männlichen Interviewpartner explizit erwähnen, dass er gut vorbereitet war.

Weiter positiv aufgefallen ist mir das Format «Fehlerkultur» auf der letzten Seite. Es zeigt die Absicht der Redaktion, selbstkritisch mit den Lesern im Dialog sein zu wollen.


Edith Hollenstein
ist Redaktionsleiterin von Persoenlich.com.

Schweizer Monat / Ausgabe 1043
Februar 2017

Von Gaudenz Looser

 Vorbemerkung: Meine Blattkritik ist subjektiv, unmittelbar meinen Reaktionen während der Lektüre folgend. Ich bin der Meinung, so bringe sie der Redaktion am meisten – als ein authentisches Bild über die Wahrnehmung ihres Produktes durch einen ihrer Leser. Wenn die Redaktion am Ende darüber erleichtert ist, dass sie das Blatt machen und nicht ich, kann ich damit gut leben.

Ich stelle mir die Zielgruppe des «Schweizer Monats» wie folgt vor: gebildet, mit hoher wirtschaftlicher Potenz, wahrscheinlich schon seit Generationen Schweizer. Wichtiger: sie ist sehr gut informiert, geizig mit ihrer Zeit, schnell in ihrer Entscheidung, hart im Urteil.

Was will ein Angebot für diese Zielgruppe? Ich glaube:

  1. erstklassige Hintergrundinformation (Fakten)
  2. Denkanstösse auf höchstem Niveau (Meinung)
  3. elitäre Zerstreuung (Unterhaltung).

 

Der Themenüberblick vor der Lektüre
Aus der Sicht der von mir imaginierten Zielgruppe ist der Themenmix der Februarausgabe wenig überraschend, aber durchaus attraktiv: Intelligentes zum – nach wie vor grossteils rätselhaften – Thema Negativzinsen (Hoffmann/Schnabl; Geiger) ist hochwillkommen. Selbiges gilt für die SVP-Initiative (Saxer). Die Investmentgeschichte (Grob) sollte mal besser Hand und Fuss haben, die Zielgruppe ist da schliesslich zu Hause. Einen wirklich überraschenden Blick auf die Welt verspricht Roser (da habe ich allerdings schon auf Twitter nachgeschaut). Die Hochschulgeschichte (Dossier) bleibt rätselhaft, Longchamp (Nacht des Monats) müsste nicht sein.


DETAILS ZU DEN INHALTEN

Intro des Chefredaktors (Wiederstein)
Das Zitat als Parole des liberalen Geistes ist richtig und wichtig, das Lamento über den Niedergang der Eigenverantwortung für die Freiheit aber ein Abturner. Und: brauchen die (liberalen) Abonnenten wirklich diese ständige Selbstbestätigung? Mein Verdacht: der erste Absatz und das Zitat sind reine Warmschreiber. Die Substanz kommt ab dem zweiten Abschnitt, die Argumentationslinie ist aber leider nur summarisch skizziert: Da hätte ich gerne mehr gelesen. In Abschnitt drei kommt dann der langersehnte Pfeffer: Der Chefredaktor teilt aus, verteilt Prädikate und malt einen gewaltigen Gesellschaftskonflikt an die Wand – wow, das will ich lesen! (Bloss: Im richtigen Leben wäre ich beim zweiten Satz ausgestiegen).

Schwerpunkt Negativzins
Beim Text über die EZB (Hoffmann / Schnabl) wird das Produktversprechen uneingeschränkt eingelöst: Der Text ist von A bis Z dicht, strotzt von spannenden Fakten und – für mich – neuen Perspektiven auf das Thema und regt zum Denken an. Die explosiven Thesen kommen aber trotz drei Inhaltsverzeichnissen und einem Intro sehr überraschend. Auch Geiger ist erstklassig – man sollte seinen Input dringend vertiefen. Die alternativen Investments sind intelligente Unterhaltung – stellenweise vielleicht etwas zu subjektiv und für Menschen, die das Problem wirklich haben, etwas zu leicht.

Interview Max Roser (Kühni)
Grossartiger Einstiegssatz: «Es ist, als würde er täglich ein Licht anzünden.» Das bringt es sofort auf den Punkt: So will ich lesen. Das Interview liest sich fabelhaft, auch hier gilt: Über diesen Mann sollte man noch viel mehr schreiben. Optisch kommen mir aber sein Werk, die Grafiken, viel zu klein, das steinerne Oxford und die Bücherwürmerei viel zu gross raus – der mutmasslich angestrebte Kontrast kommt nicht zum Tragen. Und: auch hier sind die szenischen Informationen über die Autorin für die Geschichte nicht wesentlich.

Essay von Urs Saxer (Selbstbestimmungsinitiative)
Eine spannende Argumentation, Saxer scheint Vogt geradezu zu zerpflücken. Leider versäumt er es, dem Anliegen der Initiative auch konstruktiv zu begegnen und Ansätze zu einem Ausweg aufzuzeigen, was den schalen Nachgeschmack des politischen Geplänkels hinterlässt.

Dossier: Fachhochschulen
Titel: «Die Befähigungsinstitution»: Frech, ironisch (?), mal sehen.
Untertitel: «Wie innovativ sind Schweizer Fachhochschulen?»: Okay, ist darauf eine Antwort zu erwarten? Die sechs Storytitel versprechen nichts dergleichen. Eine Einleitung, die mit «Vor gut 20 Jahren» beginnt, will ich aufgrund des bis hierher entstandenen Informationsvakuums nicht lesen. Nach «Unter dem Banner ‹Gleichwertig, aber andersartig›» steige ich aus: Ich will keine Festreden lesen. Dann: schöne, farbige Grafiken, aber ihre Aussagen ziehen mich auch nicht zurück in den Text. Erst bei Patrik Schellenbauer gelingt mir wieder der Einstieg. Er kommt sofort auf den Punkt, beschreibt echte Spannungsfelder. Bernhard Pulvers Text ist gut geschrieben, aber inhaltlich kaum überraschend. Der Geschmack der Festrede will nicht ganz weichen.


Fazit
Das von mir angenommene Produktversprechen wurde vielerorts eingelöst: Ich war während der Lektüre mehrfach von Ideen elektrisiert und werde meine Mitarbeiter umgehend anhalten, den «Schweizer Monat» aufmerksam zu verfolgen. Für eilige und extrem schnell gelangweilte Leser ist es aber bisweilen mühselige Arbeit, bis zu diesen Juwelen vorzustossen. Das optische Understatement mag gewollt sein – mich macht es traurig. Meine These: Man könnte protestantisch-zurückhaltend bleiben und die erstklassigen Inhalte trotzdem besser – präziser und effektiver – verkaufen.


Gaudenz Looser
ist stv. Chefredaktor von «20 Minuten».