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Bin Laden wird dem Westen fehlen

Die Identifikationsfigur des islamistischen Terrorismus ist weg und mit ihm ein prägendes Feindbild. Das Phänomen des Terrorismus in westlichen Gesellschaften aber bleibt.
Von Matthias Heitmann

Grosse Teile der Welt feiern den Tod des islamistischen Terroristenführers. Doch es wird wohl nicht lange dauern, bis Osama Bin Laden der westlichen Politik fehlen wird. Schliesslich war es bequem, seine Ergreifung als oberstes Ziel des Anti-Terror-Krieges zu postulieren und sich über Jahre hinweg sagen zu können, Al Qaida sei eine «Organisation», die von dem Terror-Fürsten in klassischer Art und Weise «geführt» werde. Dass man über den Tod des meist gesuchten Terroristen keine Trauer empfindet, ist allzu verständlich. Seine Erschiessung aber nun als «grössten Erfolg des Anti-Terror-Krieges» zu feiern, offenbart zum einen die völlige Verhaftung der Politik auf der Ebene reiner Symbolik, und zum anderen die schiere Ahnungslosigkeit, wie mit dem islamistischen Terrorismus wie auch mit dem von diesem inspirierten internen Terrorismus im Westen umzugehen ist.

Für den Anti-Terror-Krieg war die Existenz einer konkreten Person, die man zum Feind Nummer eins stilisieren konnte, von grosser Bedeutung. So konnte der «neuartigen Bedrohung», die nicht mehr von klar sicht- und bezifferbaren Armeen und Staaten, sondern von im Verborgenen operierenden, losen und supranationalen Netzwerken und einzelnen Zellen ausgeht, ein reales Gesicht zugewiesen werden. Diese Personalisierung diente nicht nur der öffentlichen Vermittlung und Verteidigung von militärischen Operationen, sondern zunehmend auch als strategisches Leitmotiv in einer unübersichtlichen Gesamtsituation. Zudem schien Osama Bin Laden die These zu untermauern, dass die terroristische Gefahr nicht nur einen eindeutig identifizierbaren religiösen, sondern auch einen geographischen Ursprung hat: Bin Laden und seine Verbindungen zum afghanischen Regime der Taliban verorteten die Quelle des modernen Terrors unzweideutig in der islamischen Welt. In den Augen vieler erschien der Terror als Folge ihrer gesellschaftlichen wie ökonomischen und intellektuellen Unterentwicklung.

Der Schock und das Gefühl der Verletzlichkeit, die durch die Anschläge des 11. September 2001 in der westlichen Welt ausgelöst wurden, konnte von der Politik zunächst in halbwegs eindeutige Bahnen gelenkt werden. Der vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush ausgerufenen «globale Krieg gegen den Terrorismus» wurde nicht in Form einer offensiven Stärkung des westlichen Bekenntnisses zur demokratischen und offenen Gesellschaft geführt, sondern als «klassischer» Angriffskrieg gegenüber ihren hastig identifizierten Feinden: den Taliban, die Bin Laden Zuflucht gewährt hatten. Die Schwierigkeiten, den Krieg zu rechtfertigen, wurden massiver, als auch der irakische Diktator Saddam Hussein ins Visier genommen wurde, obwohl diesem keine Verbindungen zu Islamisten nachgewiesen werden konnten. Als Ersatzbegründung für diesen Krieg wurden dann Massenvernichtungswaffen beschworen, derer man jedoch nie habhaft wurde. Die Tatsache, dass der Irak erst durch die westliche Intervention zu einem Aktionsfeld radikaler Islamisten wurde, offenbarte die Begrenztheit der Anti-Terror-Strategie.

Weitere Risse bekam die ohnehin brüchige ideologische Fassade der weltweiten Terrorbekämpfung mit den Anschlägen in London vom 7. Juli 2005. Deren Urheber waren keineswegs eingeflogene afghanische Gotteskrieger, sondern entpuppten sich als englische und bis dato unauffällige Staatsbürger. Viele in der Folge vereitelte Terroranschläge warfen die Frage nach der Terrorproduktion westlicher Gesellschaften auf. Der US-amerikanische Terrorismusforscher Marc Sageman bezeichnete Al Kaida-Mitglieder als «global citizens», nachdem er herausgefunden hatte, dass mehr als 70 Prozent von ihnen nicht in islamischen Ländern, sondern als Studenten im Westen radikalisiert worden waren. Einige Terrorismus-Experten stellten die These auf, dass die eigentliche Gefahr nicht vom Terrornetzwerk selbst, sondern von dessen Wirkung als Symbol des Hasses auf die nicht nur von Einwandern als dekadent und verlogen wahrgenommene westliche Gesellschaft ausgehe und mithin das Problem kein «externes», sondern ein «internes» sei.

Trotz der immer wieder aufflackernden Debatte über den «Home-grown Terrorismus» des Westens blieb der politische Fokus des Anti-Terror-Krieges die islamische Welt. Unterfüttert wurde dies nicht zuletzt durch zahlreiche Videobotschaften, die dem in den Bergen der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan vermutete Terroristenführer zugeschrieben wurden und die das Gefühl aufrechterhielten, die Quelle der Gefahr läge weiterhin «in weiter Ferne». Dabei hatten diese Botschaften immer weniger islamistische Glaubens- und Kampfesbekundungen als vielmehr im verstärktem Masse das Unbehagen und die Verunsicherung der westlichen Welt selbst zum Inhalt: In einer seiner letzten Botschaften vom Januar 2009 bezichtigte Bin Laden den Westen, den Klimawandel zu verursachen. Ganz offensichtlich verstand er es, Ängste im Westen nicht nur zu verbreiten, sondern sich dieser auch rhetorisch zu bedienen.

Die Ermordung von Osama Bin Laden, der noch in den 80er-Jahren mit US-amerikanischer Unterstützung in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzungstruppen kämpfte, mag zunächst wie ein Erfolg des Westens im weltweiten Krieg gegen den Terror erscheinen. Mit dem Feindbild verlieren die USA und ihre Verbündeten jedoch den geographischen wie auch inhaltlichen Anker, der ihre Politik der letzten zehn Jahre prägte. Ohne diese symbolische Klarheit könnte es künftig schwieriger werden, den Terrorismus als ein «rein externes Problem» abzutun. Vielleicht wendet man sich nun der wirklich spannenden Frage zu, welche Gründe dafür verantwortlich sind, dass sich Einwanderer und muslimische Elite-Studenten im Westen zu nihilistischen Zeitbomben entwickeln? Dies allein mit dem Treiben radikaler muslimischer Geistlicher in Hamburg, Paris oder London zu erklären, hilft da nicht weiter. Um die Wurzeln dieses Problems freizulegen, wird man deutlich tiefer graben müssen – und das eben nicht im arabischen Wüstensand.

Matthias Heitmann ist freier Journalist und Redakteur beim Debattenmagazin NovoArgumente. Seine Website findet sich unter www.heitmann-klartext.de.




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