Ab und zu stelle ich mir eine unerlaubte Gewissensfrage, zum Beispiel: Wen beneidest du am meisten in der Stadt? Keine Frage, weil die Antwort täglich in der Tageszeitung erscheint. Lokalredaktor zu sein ist ein wundervoller Beruf. Ich möchte ein ganzes Leben lang Ferien haben, um ein ganzes Leben lang auf die Lokalseite einer städtischen Tageszeitung angewiesen zu sein. Aus südlicher Distanz liest sich das Lokale einer unbedeutenden Stadt wie der spannendste Kriminalroman mit 365 Fortsetzungen im Jahr. Die Fortsetzung folgt bis in alle Ewigkeit. Der Lokalredaktor Barzel ist in meinen Augen der glücklichste, weil unbewussteste Schriftsteller der Welt. Er trägt ein riesiges Mosaik aus kleinsten, buntesten Steinchen zusammen, ohne an die Illusion eines Gesamtplanes zu glauben. Und dabei fallen ihm die grössten Perlen in den Schoss, sofern ein Mann für einmal einen Schoss haben darf. Mal schreibt er über die Jahresversammlung der Philatelisten, mal über die Fahnenübergabe bei der Blechmusik, mal über den Kaninchenzüchterverein. Kulturelles verträgt sich neben Banalem. Er sammelt Splitter und Anekdoten, schiebt eine Betrachtung über unsere Eidechsen ein, wärmt alte Bräuche auf, und immer findet sich im Archiv ein malerisches Altstadtbild. Wie es früher einmal war. Altvertraut und immer wieder schön. Als man in der Rathausgasse noch am Brunnen waschen konnte. Eine wischende Frau verführt zum Aphorismus: Morgentoilette in der Pelzgasse. Seinen alten Reiz behalten hat der Blick von der Zinne auf die Giebel der Haldenhäuser. Dann wieder nackte Gegenwart: Unzucht im Pissoir des Oberturmes, dreistündige Sitzung des Einwohnerrates, Sommerzeit – Jugendfestzeit. Oder Zukunftsvision: Welchen Altstadtblock werden die Parkplätze morgen verschlingen? Wie werden die Kadetten in zehn Jahren daherkommen? Wo führt die Gewässerverschmutzung hin? Wer wird nach Annahme der Schwarzenbach-Initiative die Tiere im Roggenhauser Wildpark füttern? Also ein Durcheinander, Gewurstel, Mischmasch, Potpourri, Tohuwabohu, Sammelsurium, eine Menkenke? Nach Professor Kleinert und Felix Neidthammer nicht mehr und nicht weniger als ein definitionsgerechter nouveau roman mit allen Raffinessen: Wechsel des Standortes, Herumturnen in Zeiten und Zeitformen, Anführungszeichen-Stil, der sich selber nicht ernst nimmt, keine Handlung, gebrochene Form, nichtige Aussage und kollektive Autorschaft. Denn Barzel schreibt natürlich nicht alles selber. Darüber hinaus hält sich dieser Roman an modernste Erscheinungspraktiken. Er erreicht täglich mindestens 30 000 Leser, ohne dass sie in die Buchhandlung laufen müssen. Er ist billig. Die Druckfehler sind einkalkuliert, und die Erlaubnis zum Abdruck ist gestattet. Er wirbt mit Schlagzeilen aus der Politik und aus der Sportwelt unauffällig für sich. Er bewältigt Gegenwart und Vergangenheit. Er ist wegwerfbar, der erste Wegwerfroman. Er wird nicht interpretiert und nicht bekrittelt. Er baut die Leserbriefe ein. Er ist zu allem hinzu noch ein Schlüsselroman. Er ist obszön, verlogen, mystisch und wahr zugleich. Er ist poesievoll, hochdramatisch und langweilig episch. Man kann ihn von hinten nach vorn und von vorne nach hinten lesen. Oder man kann ihn überhaupt nicht lesen und ist dennoch über seinen Inhalt informiert, weil er sich täglich ereignet, nicht nur im Schildkrötenkopf Barzels, auf den Strassen, Gassen und Gässchen. Er touchiert alle grossen Themen der Zeit, von der Militärdienstverweigerung bis zur Zifferblattrenovation des Oberturms. Er ist Liebes- und Eheroman ohnʼ Unterlass, Nachttischlektüre für Ihn und für Sie, Kinder lesen ihn oder falzen Schiffchenmützen daraus und tragen ihn nicht im, sondern auf dem Kopf. Regierungsräte vertreiben sich die Zeit damit, und Professoren putzen sich, zumindest auf den Toiletten des alten Schulhauses, den Hintern damit, kurz: Barzel schreibt und lässt schreiben den Universalroman, von dem jeder Schriftsteller träumt, der im «Mann ohne Eigenschaften» und in «Zettels Traum» vergeblich angestrebt wird, weil zu dick, zu teuer, zu gescheit, zu unlesbar und was weiss ich alles. Und das Beneidenswerteste wie gesagt: Barzel ist sich dessen nicht einmal bewusst, hat keine Zahnschmerzen von Neidthammerschen Wurzelbehandlungen, kennt keine Honorarsorgen und keinen Ideenausfall, denn er notiert die Geschichte auf, die das Leben schreibt. Er muss nicht auf die Suche nach dem Stil gehen, weil ihn der Stil buchstäblich heimsucht und mit allen Wassern wäscht. Er kennt keine Hürde mit der Aufschrift: So kann man heute nicht mehr schreiben, denn seine Kunst hat es nicht nötig, von können zu kommen. Sie leitet sich in höchst eigenwilliger Etymologie von kunterbunt ab. Wissen Sie, fragt der Duden, dass «kunterbunt» etwas mit Kontrapunkt zu tun hat? Barzels Kunst ist die Kunst des Kontrapunkts. Sie ist wortwörtlich gegen den Punkt, überhaupt gegen Satzzeichen. Sie ergiesst sich endlos wie ein Strom, wie der Strom des Lebens selbst. Darum mein Geheimtip: Das Jahresabonnement der Tageszeitung kostet nur Fr. 53.–. Zählen Sie einmal Ihre Romane zusammen und rechnen Sie aus, welche Summe sie verschlungen haben, ohne im geringsten der Übersicht, Handlichkeit und Omnivalenz dieses Universalromans zu entsprechen.

 

Hermann Burger war Schriftsteller und Germanist. Seine Romane (u.a. «Schilten» von 1976 und «Die Künstliche Mutter» von 1982) sind moderne Klassiker der Schweizer Literatur. Burgers Todestag jährt sich am 28. Februar zum 25. Mal. Schon als junger, noch unbekannter Autor wurde er von der Kulturredaktion dieser Zeitschrift gefördert und blieb ihr zeit seines Lebens eng verbunden. Aus diesem Grunde veröffentlichen wir exklusiv einen Ausschnitt aus seinem bisher unveröffentlichten Erstlingsroman «Lokalbericht», der derzeit am Schweizerischen Literaturarchiv im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekts wissenschaftlich ediert wird. Der Roman erscheint 2016 in klassischer Buchform sowie als textgenetische Online-Edition. Mehr Informationen unter: www.nb.admin.ch/sla/03136/04260/

Die von Hermann Burger unter dem Titel «Skizzen zu einer Kleinstadt-Fest-Prosa» veröffentlichten Exzerpte aus diesem Roman lassen sich auch in Band 2 seiner soeben erschienenen «Werke in acht Bänden» (Nagel & Kimche; herausgegeben von Simon Zumsteg) nachlesen. Die Redaktion dankt Irmgard Wirtz, Magnus Wieland und Simon Zumsteg für die Realisation dieser Premiere.

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