Etwas ratlos sassen sie nun, statt zu studieren, in der Mensa herum. Die einzige Einrichtung aus früherer Zeit, die im Moment normal funktionierte. Auch von hier aus konnte die Welt analysiert und diskutiert werden. Und das Essen war günstig, günstiger als irgendwo sonst in der Stadt. So hatten sie wenigstens das Gefühl, an der Uni zu sein, auf deren Gelände sie lag. U-Bahnstation Dahlem-Dorf, von da zu Fuss durch einen Park, an einem Teich, an einem gelben Haus hinter Weiden vorbei, dann war man da. Die verbilligte Studenten-BVG-Streckennetzkarte für den öffentlichen Verkehr hatten sie ohnehin. Sonst hatten sie ja nichts oder nicht viel, ihre Stipendien waren knapp bemessen, und ihre Eltern zu Hause schossen auch nur das Nötigste zu.

Sie lebten von fast nichts, aber hier ging das. Eine Mark zwanzig das ganze Menü, allerdings aus einer Art Blechnapf zu essen, der an Kriegszeiten erinnerte. In die verschiedenen Ausbuchtungen oder Vertiefungen geklatscht, Suppe, Hauptgang, Dessert, alles auf einmal, wie am Fliessband, der langgezogenen Theke entlang, wurden die Näpfe gefüllt. Hauptsache nahrhaft. Für Schelling war das gelegentlich ein Problem, für ihn gehörte das Essen zur Kultur, für Hegel und Hölderlin nicht, für sie diente es nur der Ernährung, die geistige Nahrung war ihnen wichtiger; jedenfalls behaupteten sie das, es gehörte zum Bild, das sie sich von sich selber machten. Alles war von den Studenten selber gemacht, sie hatten dem Frauenverein den Betrieb aus den Händen genommen. Trau keinem über dreissig, war die Devise, hier wie überall sonst in der Gesellschaft. Selbst ist der junge Mann, selbst ist die junge Frau. Nicht immer war es geniessbar. Dann kamen auch Hölderlin und Hegel an ihre Grenzen. Nicht alles konnten die Jungen besser als die Erwachsenen. Man musste nachsichtig sein. Sie gaben sich Mühe.

Da war sie eben, die vielzitierte Kluft zwischen Theorie und Praxis, die sie von den Alten ständig vorgehalten bekamen. Natürlich, es gab sie. Aber lieber das als entfremdete Arbeit. Lieber einmal schlecht essen als zweimal schlechten Sex. So wurde geredet, von Männern und Frauen. Und sie drei Provinzler kamen noch einmal neu auf die Welt, ihnen standen die Haare zu Berge, die sie nun länger wachsen liessen, ihnen fielen die Ohren ab, wenn sie es hörten.

Sex, was war das denn? Sie kannten noch nicht einmal Liebe. Auch wenn sie sich das gegenseitig nicht leicht zugaben; sie drückten sich vage aus, wenn sie darüber sprachen. Make love and not war, ja, natürlich, liebend gern, aber mit wem?, ihrerseits war das eine ungedeckte Parole. Ungedeckt, wörtlich: Mit solchen Wortspielen versuchten sie sich schadlos zu halten, deckten sie ihre Unsicherheit zu.

An die Gewalt der Blumen allerdings wollten sie glauben, gehauen oder gestochen, Krieg oder Liebe, die da aus der neuen Welt jenseits des Atlantik zusammen mit der Hippie-Bewegung in ihre alte herüberschwappte, so paradox, so unwahrscheinlich sie auch erschien. Mit der wären vielleicht sogar ihre Eltern einverstanden gewesen, wenn auch sonst mit gar nichts, was sie als neue Moden abtaten. Ihnen war schon der Jazz verdächtig gewesen, der von dort drüben gekommen war. Negermusik nannten sie ihn. Flower power, die Kinder an die Macht, das mochte angehen. Zumindest die Mütter konnten sich damit abfinden, zumindest mit dem ersten Teil davon.

Über ihre Kinder hätten wohl auch sie die Macht lieber selber behalten. Darüber war der unblutige, aber blutsverwandtschaftliche Kampf mit den zu Hause Zurückgelassenen noch lange nicht zu Ende geführt, bei ihnen allen nicht, wenn er auch an unterschiedlichen Punkten für den Moment unterbrochen war. Zumindest der Nahkampf, als kalter Krieg zwischen den Zeilen der Briefe, die hin- und hergingen, und mit Drohgebärden auf dem telefonischen Funkweg tobte er weiter, unterschwellig, diplomatisch verschlüsselt. Aufgeschoben war nicht aufgehoben.

Inzwischen lenkten sie ab und lenkten sie sich ab, die Kinder, die keine Kinder mehr sein wollten. Vom blutigen Ernst in ihrer kleinen und vom blutenden Ernst in der grossen Welt, mit der sie noch nicht so recht zu Rande kamen, die ihnen zu gross war, auch wenn sie das natürlich nicht zugaben. So plötzlich allein, ohne Mütter und ohne Väter. Sie trieben mit ihr ihre Scherze, mit der grossen und mit der kleinen Welt, die für sie nun die grosse war.

Da bin ich aber auf etwas ganz Unerspriessliches gestossen, sagte Hölderlin zum Beispiel, als sie wieder einmal in der Mensa zusammensassen und assen, um wenigstens physisch am Leben zu bleiben. Also gibt es auch das Erspriessliche, antwortete Hegel. Im Rahmen dieser Wurst?, fragte Schelling, unschuldig. Im Rahmen der Welt, fügte Hegel hinzu. Und sie alle drei lachten. Damit waren die Wurst und der Tag gerettet,die Welt allerdings nicht.

So retteten sie sich überhaupt über die Würste und Tage und über die Welt hinweg. Sie liessen sich die Laune nicht verderben, durch nichts. Sie doch nicht, Hölderlin, Hegel und Schelling, das Dreigestirn, die Dreieinigkeit, das Kleeblatt, das gleichschenklige Dreieck. So leicht liessen sie sich nicht unterkriegen. Gegen sie hatte die Welt keine Chance, die kleine und die grosse nicht, und wenn sie noch so sehr verrückt spielte. Sie spielten mit. Auch wenn sie infolge der Mangelernährung schon erste Haare liessen.

 

Der Schweizer Schriftsteller Jürg Amann wird am Montag, den 2. Juli, 65 Jahre alt. Wir gratulieren! Der vorliegende Auszug stammt aus seinem neuen Buch «Wohin denn wir», das soeben im Haymon-Verlag erschienen ist. Wir danken dem Verlag für die freundliche Abdruckgenehmigung.