Thomas, du bist eigentlich Werber, hast aber kürzlich deinen ersten Roman mit dem Titel «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» vorgestellt. Er spielt in Zürichs orthodox-jüdischem Milieu. Bist du vertraut mit dieser Gemeinschaft?

Nein. Oder sagen wir: nur ganz bedingt.

Wie hast du dir einen Einblick verschafft?

Es gab im Prinzip zwei Quellen: erstens das Buch «Wie Juden leben» und zweitens meine Mutter. Sie ist im Vorstand der WIZO, kennt viele Leute und kann aus einem reichen Fundus an Anekdoten schöpfen.

Die WIZO, das ist der Freiwilligenverband der jüdischen Frauen.

Ja, dort treffen sich Frauen, deren Kinder aus dem Haus sind und die eine neue Beschäftigung suchen. Zum Beispiel mit dem Betrieb einer Brockenstube.

Oder mit der Partnervermittlung ihrer Söhne und Töchter, was den Hauptteil deines Buches ausmacht.

Stimmt. Brockenstube und Partnervermittlung, das sind so die Freizeitbetätigungen der reiferen jüdischen Frau.

Bist du selbst religiös?

Nein. Religion bedeutet mir nichts. Ich kann mit dieser Struktur nichts anfangen. Meiner Meinung nach ist Religion Spiritualität für Dumme.

Eine derartige Pauschalverdammung musst du konkretisieren.

Gerne. Der Religion liegt im Grunde etwas tief Spirituelles zugrunde – aber nur in den Anfängen. Was daraus im Laufe von Jahrtausenden gemacht wurde, hat nichts mehr mit Spiritualität zu tun, sondern nur noch mit Macht und Machtmissbrauch.

Einspruch! Du redest nicht von Religionen, sondern von religiösen Institutionen, Kirchen, Sekten.

Da mache ich keinen Unterschied. Religion ist die Auslegung ihrer selbst. Und diese Auslegung ist in allen drei grossen Religionen ebenso anmassend wie wertend. Wie oft wurde der Satz «Gott will das so» geäussert und damit Mord legitimiert? Im Namen Gottes werden alle menschlichen Kehrseiten verbrämt.

Das klingt jetzt schon fast wieder gottesfürchtig. Aber lassen wir das. War dein Verhältnis zur Religion der Beweggrund für deinen Roman?

Ich weiss nicht. Ich werde immer wieder nach dem «Warum?» gefragt. Dabei war einfach irgendwann die Idee da und ich bin sie nicht mehr losgeworden. Ich glaube, bei Geschichten verhält es sich wie in der Partnersuche: Du suchst und suchst, und es geschieht nichts. Und irgendwann steht dann einfach diese Frau vor dir.

Das bedeutet, du hast mit dem Judentum überhaupt nichts am Hut?

Das Spannende am Judentum ist ja, dass du es nicht einfach ablegen kannst. Wäre ich Christ, könnte ich aus der Kirche austreten, also einfach aufhören, die Kirchensteuer zu bezahlen, und die Sache hätte sich damit erledigt. Aber das ist im Judentum nicht möglich. Die Frage, was für ein Jude du bist, stellt sich also sowieso. Ob du das jetzt willst oder nicht. Sie stellt sich auch immer wieder oder auch immer wieder neu. Das Spektrum geht da vom Säkularen bis ins Ultra-Ultra-Orthodoxe. Und ich sehe mich eindeutig am säkularen Ende. Mein Zugang verläuft eher über etwas, was ich als jüdische Seele bezeichnen würde.

Klingt esoterisch. Was meinst du damit?

Ein Empfinden, das sich nicht rational oder argumentativ belegen lässt. Es ist die Verbundenheit zu jemand anderem, der jüdisch ist – und das ist eine andere Verbundenheit als zu einem Zürcher, den du im Ausland triffst. Auch das diffuse Gefühl von Heimat, das ich in Tel Aviv empfinde – obwohl ich in Zürich aufgewachsen bin –, gehört dazu. Es ist auch im Negativen ein Empfinden, wenn jemand eine unqualifizierte Bemerkung macht, wie: «Ich hab dir schon angesehen, dass du Jude bist.» Dann rege ich mich auf. Alles eine Frage der Empfindung. Das Judentum trifft mich im Positiven und im Negativen in der Seele.

Wie ist es mit dem Spirituellen, also dem, was in den Anfängen der Religionen steckt? Worin äussert sich Spiritualität in
deinem Leben?

In Räucherstäbchen.

Meinst du das ernst?

Ja, durchaus. Meine Freunde lachen mich zwar alle aus, aber ich lebe gerne im Rauch von Räucherstäbchen. Das gibt mir ein tempelhaftes Gefühl zu Hause. Die Spiritualität ist eine sehr private Angelegenheit. Aber auch hier gibt es jene, die sich als spirituell bezeichnen und ein grosses Bedürfnis haben, darüber zu sprechen – um andere auf dem Erleuchtungspfad anzuleiten. Das hat dann den gleichen Charakter wie in der Religion.

Du hast dir weder als Priester noch als Esoteriker, sondern mit der «Aktion für ein kluges Zürich» einen Namen gemacht. Eine Art Aufklärungskampagne für ein urbanes Publikum: Vor ein paar Jahren begegnete man überall in der Stadt deinen Aufklebern mit intimen Fragen an die Leser. Besteht Handlungsbedarf in Sachen Klugheit in Zürich?

Der Name kam eigentlich erst im Nachhinein – als Texter wusste ich: Irgendwie muss man Projekte ja auch signieren. Was mich fasziniert hat, waren die Fragen selbst. Ich habe die Aufkleber am Anfang im Freundeskreis verteilt und gemerkt: Die oberflächlichen Gespräche hörten auf und die tiefgründigen fingen an. Und das mit einer einzelnen Frage. Als Folge davon, dass Leute Fragen zu sich selbst beantworten, wird die Stadt klüger. Aber ich finde die Leute nicht dumm. Einzelne ja, aber nicht alle.

Wieso hast du dich fürs Fragenstellen entschieden und nicht für das provokante Statement wie etwa auf den Zigarettenverpackungen?

Das Reizvolle an der Frage selbst ist, dass man sie beantworten muss. Man kann nicht anders. Du kannst die Frage dumm finden oder frech oder intelligent oder langweilig – aber du beantwortest sie. Das Fragezeichen macht, dass du die Frage beantwortest. Es ist ein mächtiges Zeichen. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass diese Zigaretten-Warnhinweise völlig sinnlos sind. Ich kann dir sagen: Zigaretten sind schädlich für deine Gesundheit. Und du sagst: Ja, weiss ich. Wenn ich dich aber frage: Warum rauchst du? Was gibt dir das? – dann wirst du aufgefordert zu reflektieren. Das zeigt doch die Machtlosigkeit der reinen Aussage auf.

Drehen wir den Spiess also mal um und stellen dir ein paar deiner Fragen: Woran bist du am meisten gereift?

An den Frauen.

Das ist eine klare Ansage. Mordechai «Motti» Wolkenbruch, der Protagonist deines Buches, würde das wohl auch unterschreiben. Weiter: Wie reagierst du auf Kritik? a) Ich lerne. b) Ich leugne. c) Ich kritisiere.

Punkt d): Ich entscheide, ob die Kritik berechtigt ist. Es gibt zwei Arten von Kritik. Die eine ist ein unreflektiertes Niedermachen, und die andere ist eine Rückmeldung, die auf einer Auseinandersetzung basiert. Letztere Art von Kritik finde ich sehr hilfreich.

Gab es aus dem jüdisch-orthodoxen Milieu derartige Rückmeldungen?

Nein. Die Resonanz dort war, ehrlich gesagt, ausserordentlich schlecht. Ich glaube, im frommen Umfeld gilt das Buch als Nestbeschmutzung. Ich habe über meine Mutter versucht, Kontakt mit frommen Juden aufzunehmen und ihnen das Buch zuzuschicken. Auch, weil mich ihre Rückmeldungen interessiert hätten. Der eine hat aber überhaupt nicht reagiert und der andere hat es abgelehnt, weil es ihn verletze, wenn man sich über seine Religion lustig mache. Die jüdischen Medien im deutschsprachigen Raum haben sich kaum bis gar nicht damit beschäftigt. Man hat mich nicht kritisiert, sondern ignoriert.

Im «Tachles» wurde es in fünf Zeilen besprochen.

Ja. Auch die «Jüdische Rundschau» hat etwas geschrieben: «Das ist ein Buch für die Gojim», also für Nichtjuden. Und das ist es wahrscheinlich auch. Das ist okay so.

Das klang nun nicht besonders glaubwürdig.

Naja ... man hört immer vom tollen jüdischen Humor und ich frage mich, wo er denn bleibt. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur eitel mit meiner Erwartung, dass jetzt alle Juden im deutschsprachigen Raum mein Buch kaufen, um ein bisschen über sich selbst zu lachen.

Bist denn du fähig, dich selbst nicht ernst zu nehmen?

Zum Glück: Ja. Ich glaube, dass die meisten Probleme in der Welt darin gründen, dass sich die Leute selbst zu ernst nehmen. Siehe Religion. Da nehmen sich die Menschen ja brutal ernst.

Gab es da irgendein Erweckungserlebnis, oder war diese Einsicht einfach schon immer da?

Schöne Frage. Lass mich kurz darüber nachdenken.

Kommt das vielleicht vom Zwinglianischen? Ich treffe in Zürich viele Leute, die die Dinge extrem ernst nehmen.

Ja, das ist eine Schweizer Eigenart, dass man sich sehr ernst nimmt. Die Haltung spiegelt sich auch in der Qualität unseres Humors wider. Wenn wir Comedy machen, dann resultiert das in Grimassen. Wenn wir Satire machen, dann resultiert das in bemühten Scherzen. Der Schweizer ist ja nicht wirklich lustig. Er versucht es. Aber es bleibt immer irgendwie steif. Ich kann jetzt aber nicht den Finger auf einen Punkt in meinem Leben legen, an dem ich beschlossen hätte: «So, jetzt lache ich über alles.»

Aus verlässlicher Quelle weiss ich: Du warst auch mal ziemlich steif.

(lacht) Stimmt. Ich habe mich jahrelang in der Partnersuche sehr ernst genommen und fand es unheimlich schlimm, wenn etwas nicht geklappt hat. Dann begriff ich: Humor ist der Verzicht darauf, die Gelegenheit zu ergreifen, sich ernst zu nehmen und gleich eine Verteidigungshaltung einzunehmen. Das macht gelassener.

Du hast nun gerade ganz gelassen beim Salis Verlag für dein nächstes Buch unterschrieben. Wird es auch eine Komödie?

Wohl eher eine Tragikomödie – obwohl der «Wolkenbruch» das eigentlich auch schon ist. Tragische Figuren haben immer irgendwo auch einen komischen Aspekt. Es ist der tiefere, erwachsenere Humor, wenn du in einer ausweglosen Situation noch lachen und sagen kannst: «Ja, das ist jetzt alles ein grosser Mist.» Wenn du in einfachen Lebenslagen ein paar flotte Sprüche machst, dann kostet dich das nichts, aber guter Humor in grosser Not, der kostet dich immer was.

Und wovon handelt dein nächstes Buch, wenn man fragen darf?

Der Arbeitstitel lautet: Der König braucht mehr Riesen. Es geht um Friedrich Wilhelm I., der als Hobby grosse Männer für seine Armee gesammelt hat.

Das klingt absurd.

Ist aber eine Tatsache. Ich hab die Geschichte aus dem «Lexikon der Exzentriker». Friedrich Wilhelm ist mit seinem Jähzorn allein schon eine spannende Figur: Er hat ja alle geschlagen, wenn ihm etwas nicht gepasst hat – und es hat ihm offenbar häufig was nicht gepasst. Mit den grossen Soldaten hat er sich eine eigene Truppe zusammengestellt: «Die langen Kerls». Weil es aber nun mal nicht so viele grosse Männer gibt, nahm seine Sammelleidenschaft schnell kriminelle Züge an. Und obwohl er mit seinem Preussen sehr sparsam haushielt, wurde dies dann zum grössten Budgetposten seines Reiches. Das ist doch eine grossartige Geschichte!

Du liebst Exzentriker?

Was mich an den Exzentrikern fasziniert, ist, dass jeder einzelne ein Botschafter des Spektrums ist, das sich in den Menschen findet. Gleichzeitig sind Meinungen und Strafen immer schnell zur Hand, wenn jemand gewalttätig ist oder süchtig ist oder sich einfach nicht ins soziale Gefüge einordnen möchte. Ich habe diesbezüglich zu mir selbst von «geisteskrank» über «anstrengend» bis «abnormal» eigentlich schon alles gehört. Das ist an sich aber nicht schlimm, denn wer sich schon in diversen Rollen wiedergefunden hat und dadurch entdeckt, dass all diese Rollen in einem selbst angelegt sind, wird dadurch um noch eine Rolle reicher: Man wird, im tiefsten Sinne des Wortes, «selbstbewusster».

Von einigen Rollen, vermute ich, wirst du dich aber auch gern verabschiedet haben.

Der Motorrad-Rocker war eine Rolle, die ich erst kürzlich abgelegt habe. (lacht) Ich bin sehr viel Motorrad gefahren, und auch der Austausch darüber hat mir sehr gefallen. Und jetzt, in diesem Jahr, habe ich gemerkt, dass mir hauptsächlich der Hintern schmerzt – also habe ich aufgehört.

Im Moment haftet dir aber eher die Rolle des Komödienschreibers an. Bleibt das jetzt so?

Ich kann mir gut vorstellen, dass in naher Zukunft ein Thema an mich herantritt, das eher schwerer ist. Ich schliesse das überhaupt nicht aus. Aber mich stört diese Haltung, dass Schwermut die Literatur ausmachen muss. Es gibt Menschen, die finden ein Buch nur gut, wenn eine Tochter geschändet wird.

Was ist für dich also Literatur? Welche Bücher begleiten dich schon lange oder gerade im Moment?

(Zögert) Also die Bücher, die für mein Leben wirklich wichtig waren, sind die Bücher, die meine Freunde im Regal entdecken und dann immer finden: «Du bist so ein Eso!» Aber wen nenne ich jetzt da…

Hermann Hesse – Siddhartha.

Nein! Eben nicht. Ich finde es vollkommen aufgesetzt, wenn man einen Romancier als prägend für das eigene Leben darstellt. Das ist affektiert. Aber es gibt wirklich Bücher, bei denen ich sagen muss: Das hat jetzt einen Unterschied gemacht. Eines davon ist «Verflixte Erleuchtung» von Jed McKenna.
Das ist die allergrösste Wildsau, die ich je gelesen habe.

Mitarbeit: Serena Jung