Virgilio Rinaldo Masciadri, Autor, Altphilologe, Literat, Autor des «Schweizer Monats», zuletzt Redaktor von «orte», der namhaftesten Deutschschweizer Literaturzeitschrift, ist fast genau ein Jahr nach dem ihm untergründig geistesverwandten Jürg Amann am 8. Mai 2014 in Aarau gestorben. Hier war der vom Comer-See herstammende Bürger von Winterthur am 23. November 1963 auf die Welt gekommen. Die Masciadris aus Como gehören seit dem vorletzten Jahrhundert zu den leistungsstärksten Immigranten in der Schweiz. So der einstige Maurer und Bauunternehmer Michele Masciadri (1867 – 1915), dessen im Kanton Bern ansässige Firma heute noch existiert. Como war übrigens der bevorzugte Marktort, wo die bei Peter von Matt buchpreiswürdig geschilderten Kälber und Kühe des St. Gotthard verkauft und geschlachtet wurden.

Wie sein Winterthurer Mitbürger Jürg Amann hatte Virgilio Masciadri in Zürich auf höchstem Niveau promoviert, sich dazu noch über antike Mythologie habilitiert. Wie von Matt-Schüler Amann sah Masciadri nicht in einer staubtrockenen, von Qualitätsbürokratie geprägten Professorenexistenz, sondern in der Poesie seinen Lebensinhalt. Aber die Verhältnisse waren in der Schweiz nie so, dass man davon hätte leben können. Als weitere Parallele zu Jürg Amann erhob via die «umbfressend kranckheit, so man den krebs nennt» (Paracelsus) der Fährmann Charon bei Virgilio Masciadri einen frühen Einspruch. Der Tod des Literaten und Hoffnungsträgers von Werner Bucher, dem Gründer der Literaturzeitschrift, erfolgte nur gut ein halbes Jahr nach der Übernahme der Redaktionsleitung von «orte» – er stand erst in seinem 51. Lebensjahr. An einer Lesung in St. Gallens «Kult-Haus», am 3. Dezember 2013, beschwor Poet Masciadri den Fährmann ein letztes oder vorletztes Mal:

 

Von einer Reise

Diese Postanschrift
möchte man haben (Das Dorf
heisst Ecce Homo) ein grau-
schwarzer Katz hüpft durch die brandige
Moorwies dem nächsten Stall zu/der Himmel
ist nicht der Rede wert hängt über Tan-
nenwäldern die sich wiederholen wie ho-
merische Formeln
später auf
der Fähre glaubt die
junge Serviertochter sie
kenne den schwarzhaarigen Fahrgast mit den
grüngrauen Augen am Neben-
tisch / zögernd
erinnert er sich und schreibt dann
weiter seinen Brief (öfter
aufsehend) vielleicht
ein andermal sagt er als
er bezahlt und eigentlich
wüsste man gern wie er ausgeht dieser
kleine Roman

Das Gedicht bestätigt, was Roman Bucheli in der NZZ lobend erwähnte:  Masciadri verstehe es, «in der hochpräzisen Zuwendung zum Sichtbaren dessen Kehrseite hervorzutreiben». Warum der Dichter «Tan-nenwälder»  und «ho-merische Formeln» trennt, wurde mir nie klar. Wie hingegen die Geschichte auf der Fähre über den Unterweltfluss Acheron ausgegangen ist, wurde am zweiten Donnerstag im Mai ersichtlich. Der Tod soll am frühen Nachmittag eingetreten sein. Gemäss Todesanzeige wird seine Urne oberhalb des Comersees beigesetzt werden, in der 281-Seelen-Gemeinde Blessagno, der Urheimat der Masciadris.

Die Nachricht machte mir klar, warum der vielseitige Gelehrte auf meine Anfrage im vorigen Sommer, in Stuttgart vor der Paracelsus-Gesellschaft den lateinisch schreibenden alchemistischen Magier Agrippa von Nettesheim zu würdigen, mit einem negativen Bescheid antwortete. Mit Nachdruck aber betonte er, Spezialisten für mittelalterliches Latein hätten ihre Arbeit so zu leisten, dass dabei für das Verständnis der Gegenwart einiges abfalle, eine Auffassung, die bei ihm ebenfalls zur Vermittlung griechischer Mythologie gehörte. Unmissverständlich kommt dies in seiner brillant geschriebenen, in Fachkreisen umstrittenen Habilitationsschrift über die Mythen von Lemnos (mit Einfluss auf Homer) zum Ausdruck. Unbeschadet der Meinung von Repräsentanten einer keimfreien Altphilologie bleibt «Eine Insel im Meer der Geschichten – Untersuchungen zu den Mythen aus Lemnos» (2008) die wichtigste Publikation von Masciadri. Ausblicke hinter Homer zurück, so weit diese überhaupt möglich sind, dazu auf die Bibel und bis in die moderne Literatur hinein, bieten bei einem Buch über Mythen genau das, was mich als Leser, Humanisten, ehemaligen Lateinlehrer und Zeitgenossen zu fesseln vermag. Zu schweigen von den Erträgen für ein besseres Homer-Verständnis, was zugleich bedeutet, überhaupt zu verstehen, was Dichtung ist und sein kann.

Masciadri war als alt- und mittellateinischer Philologe an Zürichs Universität  u.a. für die Didaktik der Alten Sprachen zuständig, ausserdem ein leidenschaftlicher Wissenschaftshistoriker, der zum Beispiel über das Erdbeben von Basel (1356)  und (zusammen mit Hans Bieri) über die Astronomie und Astrologie von Kopernikus und Galilei publizierte. Er erreichte ein Niveau und eine Breite, wie sie im heutigen Wissenschaftsbetrieb eine Ausnahme darstellen.

 

Vielleicht weltbester Kenner der Kentauren

Masciadri unterrichtete ausser am Zürcher Gymnasium Freudenberg, wo u.a. «Schweizer Monat»-Herausgeber René Scheu sein Schüler war, einige Jahre lang an der Kantonsschule Aarau. Hier sollte ihm bald klar werden, dass die Zeiten des Jahrhundertrektors Rudolf Rauchenstein (1798 – 1879) ein für allemal vorüber waren, da Latein und Griechisch die formale und inhaltliche Grundlage einer humanistischen Bildung verkörperten. Dabei ging es übrigens immer auch um Glanz und Präzision im Gebrauch der Muttersprachen. Tempi passati!

Nicht ohne Anflug von Bitterkeit schrieb mir Masciadri vor Jahresfrist, er habe es aufgegeben, bloss um der Erhaltung von Lehrstellen willen Werbung für das Lateinische und Griechische zu machen. Eine Bildung, wie sie für den epochalen Aargauer Bundesrat Emil Welti, nach seinem Rücktritt 1891 Lehrer für Alte Sprachen an einem Berner Gymnasium, noch Standard war, wird heute in gymnasialen Lehrerzimmern von kaum jemandem mehr vermisst. Insofern scheint sich Masciadri in die Einsamkeit hinein überqualifiziert zu haben. Dass er als mutmasslich weltbester Quellenkenner der Kentauren gelten kann, hätte Dürrenmatt eher gefallen als einem Aargauer Bildungspolitiker, der bei einer Ansprache von «Gymnasiaten» statt von Gymnasiasten gesprochen haben soll.

Virgilio Masciadris meisterhafte Studie «Das Problem der Kentauren – Die Griechen und das Wunderbare» (2012), deutlich kürzer als seine Habilitationsschrift, halte ich für eine der lesenswertesten Publikationen eines Schweizer Autors im gegenwärtigen Jahrzehnt. Vom Niveau her ist sie mit der Studie von Hans Küngs Griechischlehrer Josef Vital Kopp (1906 – 1966) «Das physikalische Weltbild in der griechischen Dichtung» zu vergleichen. Dabei ist sie gründlicher dokumentiert als selbst die vorzüglichen Aufsätze von Rudolf Rauchenstein in den Jahresberichten der Eliteschule schlechthin in der Schweiz des 19. Jahrhunderts: der Kantonsschule Aarau, der späteren Brutstätte des angeblich schlechten Schülers Einstein. Masciadri gehörte überdies zu den weltweit ersten Spezialisten über den Schmiedegott Hephaistos. Er legte Wert auf Quellenstudien und höchste Präzision. Wohl deshalb konnte meine Darstellung der alpenländischen diesbezüglichen Mythologie «Sankt Gotthard und der Schmied von Göschenen» (ein Jugendbuch) gemäss Rezension im «Schweizer Monat» seinem gestrengen wissenschaftlichen und literarischen Urteil auch nicht genügen. Dass er von der historischen Substanz und dem fragwürdigen Spott bei Max Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» noch weniger hielt, wie er mir per Mail mitteilte, war für mich ein mässiger Trost.  

Eigenwillige, von wissenschaftlichem und zugleich literarisch-philosophischem Ehrgeiz getriebene Altphilologen, wie Nietzsche in Basel einer war und in Tübingen Walter Jens, sind im heutigen Kulturleben Randfiguren. Masciadri war gewiss kein Nietzsche, hat aber in dieser seltenen Disziplin Bleibendes geleistet. In die Bildungslandschaft der gegenwärtigen Schweiz passte er mit seinem Bildungshintergrund nicht. Entsprechend wurde Masciadri dann auch bei seinem Ableben eher als Lyriker denn als achtenswerter Philologe gewürdigt.

Die Lyrik war neben der Wissenschaft seine stärkste Sparte; dazu wurde er zum «Krimi-Autor» verniedlicht; ein Gebiet, in dem er offensichtlich gescheitert ist. Nicht so sehr deshalb, weil seine Titel, etwa «Dämonen im Murimoos», zu «Regionalkrimis» deklassiert worden wären. Da hatte Goethes Schwager Vulpius mit seinem Räuber «Rinaldo Rinaldini» mehr Erfolg als Virgilio Rinaldo Masciadri. Was an dessen wenig erfolgreichen sogenannten Kriminalromanen «dran» ist, hat nur bedingt mit dieser herkömmlichen, derzeit von Überproduktion befallenen Literaturgattung zu tun. Masciadri wurde vorgeworfen, er gleite bei äusserlich korrekter Einhaltung der Krimi-Regeln ins Metaphysische und Esoterische ab. Kritik dieser Art, auch schlimmere, musste der späte Dürrenmatt erst recht einstecken. Er war und blieb aber bei jedem Text der seinen Kritikern in der Regel überlegene Dürrenmatt.

 

Ein griechischer Redner als Simenon der Antike

Bei Masciadri verhielt es sich nicht analog. Was er entweder als Lyriker zu sagen hatte oder vor allem als Vermittler grosser Mythologie, steht über den Ansprüchen eines sogenannten Regionalkrimis. Dass er sich überhaupt in jenen Bereich verirrte, hatte seine guten Gründe. Masciadri war nämlich der Konkurrenz zwar nicht praktisch, aber – keine Kleinigkeit – meistenteils theoretisch überlegen. Als seinen literarischen Favoriten auf dem Gebiet kriminalistischer Literatur empfahl er den attischen Redner Lysias (445 v. Chr. – 380. v. Chr.). Dessen Plädoyer um die Geschichte eines betrogenen Ehemannes enthalte schon sämtliche Bestandteile eines Krimis der Simenon-Machart. So führte er es in Nr. 137 der Literaturzeitschrift «orte» aus. Entgegen anderer, eher resignierter Äusserungen Masciadris sehe ich in dieser These ein grossartiges Plädoyer für das Altgriechische, welches meines Erachtens zum Beispiel als Ersatz für Musikunterricht, Religion oder Hauswirtschaft an unseren Gymnasien wieder eine Chance bekommen sollte. Die Sprache einer Elite von europäischen Intellektuellen enthält nämlich alles von diesen Fächern und für weniger Musikalische und Unfromme und Kochschulmuffel sogar mehr, als was Musik, Religion oder Diätetik gemäss modernen Lehrplänen bieten können.

Masciadri wäre mit seiner Lyrik und als humanistischer Autor von Rang ein verdienter Anwärter auf den mit schäbigen Gründen abgeschafften Aargauer Literaturpreis gewesen. Goethe schrieb indes bereits 1796, sogar in der fruchtbarsten Epoche der deutschen Lyrik: «Ein Gedicht ist wie ein Kuss, den man der Welt gibt. Aber aus Küssen werden keine Kinder.» Umso mutiger bleibt es, in welchem Ausmass der Verlag «orte» im allgemeinen und Masciadri im besonderen dieser Textsorte die Treue gehalten haben. Masciadri bewährte sich als Promotor junger Lyriktalente, die er einführte, rezensierte, dann und wann mit Nachworten förderte.

 

In den lyrischen Wäldern sieht man die Bäume nicht mehr

Eine 2005 erschienene Anthologie «Aus dem Hinterland – Lyrik nach 2000» nennt 1‘750 Namen, darunter Virgilio Masciadri. Es war insgesamt ein hoffnungsvoll-hoffnungsloses Konzert von Eintagsfliegen. Da fällt stärker ins Gewicht, dass Masciadri zusammen mit Meistern wie Julian Dillier, einem der besten Mundartautoren der Schweiz, noch dazu mit dem hochmusikalischen Erwin Messmer, im Band «Zeitzünder 6» bereits 1992 beim orte-Verlag eine markante Talentprobe abgelegt hat. Hoffnungsvoll, nicht hoffnungslos bleibt, dass gemäss Nachruf von Max Dohner («Aargauer Zeitung») posthum von Masciadri noch ein Gedichtband zu erwarten sei. Masciadri bleibt im nicht mehr überschaubaren dürren Urwald moderner Lyrik zugutezuhalten, dass er dank lateinisch-griechischer Schulung wie auch dank Italianità und poetischen Übersetzungen aus dem Französischen über formale Voraussetzungen verfügte, wie sie vielleicht bei einem von hundert Lyrikern oder Lyrikerinnen heute festgestellt werden können. 

Dass der Lyrik eine fast nur noch homöopathische Relevanz zukommt, ist für den Begabten kein Argument gegen die Fortsetzung der Produktion. Ist dieselbe durch Tod eingestellt, bleibt immer noch die Hoffnung, die Qualität des einen oder anderen Textes könnte irgendwann, vielleicht in 300 Jahren, doch noch jemanden auffallen. Dies ist bei Virgilio Masciadri nicht auszuschliessen.

 

Das Libretto als Chance für den Poeten

Zu den am nachhaltigsten beachteten Texten eines begnadeten Lyrikers gehören Libretti für das Musiktheater. Diesbezüglich hat sich für Masciadri eine jahrelange Zusammenarbeit mit der Musikerin Anna Merz ergeben und ihrer «IG-Opera» mit Aufführungen in Zofingen, Aarau und Friedrichshafen. Die Verbindlichkeit von Auftragstexten ist der literarischen Qualität in der Regel keineswegs abträglich. Im Gegensatz zur esoterischen Atmosphäre moderner Lyrik ist ein Publikum vorhanden, das nicht nur aus Lyrikerinnen und verhinderten Lyrikern besteht. Auf dem genannten Gebiet hat Masciadri als Autor Massstäbe gesetzt. 

Die Vielseitigkeit des Schöngeistes Masciadri bestätigt sich in seiner Arbeit als Übersetzer von Rang. Dass er sich eines wissenschaftlichen und philosophischen  Genies wie Galileo Galilei angenommen hat, wird man wohl in 100 Jahren noch zur Kenntnis nehmen, zumal der Übersetzer sich um eine möglichst wörtliche und genaue Übertragung bemühte. Von der Walliser Herzenspoetin Pierrette Micheloud (1915 – 2007) übertrug er zusammen mit seiner Schwester Cornelia den «Blick auf die Rhone» kongenial ins Deutsche.

 

Aaraus Italianità

Die Lebensleistung des Humanisten und Autors scheint breit und tief genug, dass man nur bedingt von einem «Unvollendeten» sprechen darf. Der Schaden, den die Literaturzeitschrift «orte» durch den frühen Tod eines der besten Gelehrten und Autoren der Schweiz erleidet, bleibt immens.

Virgilio Masciadri war nicht der einzige Aarauer, der nebst seinem geliebten Latein und einem sensiblen deutschen Sprachduktus in dieser Stadt literarische Italianità auf hohem und höchstem Niveau verkörperte. Ein Meister dieser Sparte war der Lyriker, Übersetzer und Manesse-Verleger Federico Hintermann, verschieden am Silvester 2012. Als Autorin von Rang darf die Aarauer Kantonsschullehrerin Anna Felder gelten, meine Nachfolgerin als Trägerin des Aargauer Literaturpreises, die zweitletzte ausgezeichnete vor Christian Haller. Auf die in der Aargauer Zeitung mit einem würdigen Nachruf von Autorenkollege Max Dohner begleitete Todesmeldung eines Poeten mit dem unübertrefflich passenden Vornamen «Virgilio», Vergil, Dantes Begleiter durch die Unterwelt, erlaubte ich mir die Online-Notiz:

«Virgilio Masciadri war einer der gebildetsten Autoren der Schweiz, mit grossem Wissen, hoher Sensibilität, der altmodische Name des Humanisten hat und hatte bei ihm einen guten Klang. Er kannte wie wenige auch Texte des Mittelalters. Als Rezensent verfügte er über einen strengen, begründeten Massstab. Die Form stimmte bei ihm. Aber das Leben? Vergleichsweise hat uns ein Jüngling verlassen, wiewohl er immerhin fünf Jahre länger lebte als Schiller oder der Aargauer Meister Hermann Burger.»

Pirmin Meier ist ehemaliger Gymnasiallehrer und Schriftsteller. Für sein Schaffen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.