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Untrennbares Band

Annette Pehnt: Chronik der Nähe. München: Piper, 2012.
Von Babina Cathomen

Mütter und Töchter, eine diffizile Beziehung: Geprägt von Liebe und Geborgenheit, aber auch von Abhängigkeit und enttäuschten Erwartungen. Als ständiges Ausloten von Nähe und Distanz beschreibt es die diesjährige Solothurner Literaturpreisträgerin Annette Pehnt in ihrem neuen Roman «Chronik der Nähe». «Wie können es Mütter und Töchter miteinander aushalten?», fragt sie darin. Ihre Protagonistinnen aus drei Generationen tun sich schwer damit. Die Ich-Erzählerin, Mutter Annie und die Grossmutter, alle drei verbindet die Sehnsucht nach Zuneigung – und dennoch bleibt ihre Beziehung angespannt. Während die Ich-Erzählerin ihre Mutter Annie fast zur Liebe nötigt und sie mit zu viel erzwungener Nähe erstickt, bleibt Annie selbst distanziert. Hat sie doch von ihrer eigenen Mutter, die als Witwe im Zweiten Weltkrieg ihre Familie durchbringen musste, früh gelernt, für sich selbst zu sorgen. «Traurige Geschichten soll man nicht erzählen, jeder hat sie, aber alle behalten sie für sich», stellt Annie schon als Kind fest.

Als Ausgangsszenario wählt Annette Pehnt ein Spitalzimmer in den letzten sieben verbleibenden Tagen der Mutter Annie: Die Ich-Erzählerin sitzt am Sterbebett, hält einen Monolog: «Ich wollte deine Lippen auseinanderzerren und die Augenlider hochstemmen, einfach nichts zu sagen, das geht in unserer Familie nicht, vieles geht, aber nicht sprechen: nicht.» Doch es bleibt bei der Stille, die Sitzende muss sich die Vergangenheit der Mutter selbst zurechtlegen; all das, was unausgesprochen blieb und was sie der Mutter vielleicht nähergebracht hätte. Im Wechsel zwischen dem Monolog der Ich-Erzählerin und der auktorialen Erzählperspektive, in der die Vergangenheit von Annie und ihrer Mutter in der Kriegszeit erhellt wird, erschliesst sich ein facettenreiches Beziehungsmuster. Pehnt nähert sich subtil an die verschiedenen Ausprägungen von Liebe an, die zwischen Eltern und Kind möglich sind. Der Roman geht aber auch der Frage nach, wie jemand zu dem wird, was er ist: Etwa wie es kommt, dass sich Annie ihrer Tochter immer wieder entzieht und sie beim Schreien ihrer Enkelkinder in eine Art Schreckstarre verfällt. Oder woher die Verlustängste der Ich-Erzählerin stammen, die den Krieg nicht mehr erlebt hat und die selbst sagt: «Ich hatte kein Recht, so viel Angst zu haben, ich ging allen auf die Nerven damit.»

Beim Lesen braucht es etwas Anlauf, bis sich die ineinander verhakte Erzählstruktur entschlüsselt. Nach und nach setzen sich die Puzzleteile aber zu einem einheitlichen Ganzen zusammen, und es kristallisieren sich die Verhaltensmuster heraus, die sich Generation für Generation wiederholen. Annette Pehnt gelingt es, mit klaren, schlichten Sätzen ins Innere ihrer Figuren vorzudringen. Das emotionsbeladene Thema geht die Autorin, selbst Mutter dreier Töchter, ohne Sentimentalität an. Und dennoch berührt sie, trifft sie den Nerv der konfliktreichen Mütter-Töchter-Beziehung – stets schwankend zwischen tiefer Verbundenheit und schützender Abwehr.




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