Schweizer Monat
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Spuren suchen, aufmerksam beobachten, im Hintergrund wirken

Wie in jedem Gebiet gibt es auch in dem der Literatur Blender und eitle selbstdarsteller, die meist wenig zu erzählen haben. Die Basler Autorin Verena Stössinger ist das genaue Gegenteil davon.
Von Bettina Spoerri

Wer sind in der Schweiz die «Unusual Suspects» unter den Autorinnen und Autoren, mit denen aber in den nächsten Jahren zu rechnen ist? Diese Frage enthält einige Hoffnung auf die prophetischen Fähigkeiten von uns Literaturexperten, Vermittlern, Kritikern. Könnten wir unsere Empfehlungen zur Prime Time im Schweizer Fernsehen präsentieren, wäre die Wahrscheinlichkeit natürlich schon um einiges grösser, dass unsere Hinweise eine starke flächendeckende Wirkung entfalten könnten: dass sie also nicht nur das Scheinwerferlicht auf einen ungewohnten Schauplatz richten, sondern im selben Moment auch beste Voraussetzungen dafür schaffen würden, dass man diese Autoren in der breiten Öffentlichkeit wahrnimmt. Der jungen Redaktion des Schweizer Monats sei jedenfalls ein Kränzchen gewunden, dass sie auf diese Weise gegen den Strom schwimmt.

Denn zum einen werden zwar immer mehr belletristische Titel produziert, zum anderen aber findet eine heftige Verengung auf eine kleine Auswahl dieser ganzen Produktion statt. Dazu trägt insbesondere die Monopolisierung von Distributionskanälen bei, die kleinen Verlagen und unabhängigen Buchhandlungen das Überleben schwer macht. Die Vielfalt aber bildet den unerlässlichen Humus, den weiten Resonanzraum, in dem Kultur verhandelt und rezipiert wird. Kunstwerke, Texte bilden ihn und werden wiederum durch ihn ausgelöst. Dieses reiche Wechselspiel des kulturellen Systems droht zu verarmen, wenn Literatur, wie seit einigen Jahren zu beobachten, zunehmend und immer mehr ausschliesslich an Verkaufszahlen und ihrem Potential, Aufmerksamkeitshysterien auszulösen, gemessen wird.

Auf der Suche nach Schweizer Schriftstellerinnen: Vor bald mehr als zehn Jahren sprachen mich zwei junge Schweizer Schriftsteller – der eine auf einem ersten Höhepunkt des Erfolgs, der andere unaufhaltsam aufstrebend – im Transitbereich zwischen zwei Hallen auf der Frankfurter Buchmesse an: Warum es denn kaum junge Schweizer Schriftstellerinnen gebe, die erfolgreich seien? Tatsächlich kam uns nach Ruth Schweikert zuerst einmal lange keine andere Autorin in den Sinn... Diese Situation hat sich in den letzten Jahren verändert – wenn uns auch damals beispielsweise Aglaya Veteranyi sofort hätte einfallen müssen. Dorothee Elmiger, Ursula Fricker, Melinda Nadj Abonji sind nur drei Beispiele für jüngere Schweizer Autorinnen, die seither mit ihren Werken nachhaltig Aufmerksamkeit erregt haben. Und unbedingt muss man auch über Autorinnen wie Friederike Kretzen oder etwa Helen Meier, Ilma Rakusa oder Erica Pedretti reden, die indes fast alle mindestens eine ganze Generation älter sind.

Den Lichtkegel meines Scheinwerfers möchte ich hier auf Verena Stössinger richten. Sie ist 1980 mit ihrem ersten Buch in Erscheinung getreten. Dieser Anfang liegt heute bald 33 Jahre zurück – übrigens fast so lange wie die Gründung der Solothurner Literaturtage, wo ebenfalls ein Aufbruch literarischer Exponenten in die Öffentlichkeit stattfand. Die 1951 geborene Nordistin und Germanistin Verena Stössinger, die aus Luzern stammt und nach Wander- und Studienjahren u.a. in Berlin und im dänischen Aarhus heute in Basel wohnt, ist eine versierte Kennerin der Schweizer und skandinavischen Literatur. Sie hat als Autorin, aber auch als Vermittlerin, Kulturjournalistin, Dozentin und Lektorin viele kulturelle Projekte mitgeprägt und den Schweizer Literaturbetrieb aktiv mitgestaltet, so etwa in der Literaturgruppe Basel; sie war unter denjenigen, die das Literaturhaus Basel und die BuchBasel ins Leben riefen, sowie Hauptinitiantin von Lektorat Literatur.

Verena Stössinger ist keine Person, die sich in den Vordergrund drängt – für sie steht die Sache, das Projekt, der Text im Zentrum. Verena Stössinger ist eine vielseitige Schreiberin, sie verfasst Theaterstücke, Kolumnen und Prosa. Ihr neustes Buch, ein Roman, in diesem Herbst erschienen, finde ich einen ganz besonderen Wurf – er verdient viel grössere Aufmerksamkeit, als er bis dato erhalten hat. Und deshalb würdige ich hier nicht zuerst einmal das bisherige literarische Werk von Verena Stössinger Buch für Buch, sondern konzentriere meine Lobrede auf diesen Roman, in dem so viele Qualitäten ihres Schreibens kulminieren: ein neugieriger, intelligenter Blick auf Übergänge und Entscheidungszeiten im Leben, das sprachliche Schürfen an Oberflächen, die Reflexion des Erzählvorganges. Dass Bäume fliehen nicht beim Innerschweizer Verleger Martin Wallimann erscheinen durfte, diesem ebenso feinfühligen und unprätentiösen Förderer mit gutem Gespür und langem Atem, ist ein Glücksfall. Die Zusammenarbeit der beiden – mit dabei war Angelika Overath als freie Lektorin – wird hoffentlich andauern und die nötige Ruhe und Kontinuität in Stössingers Publikationstätigkeit als Schriftstellerin bringen. Ihre Bücher erschienen bisher bei Zytglogge, eFeF, Nagel&Kimche, Benziger, ein Kinderbuch bei Bajazzo (Die Reise zu den Kugelinseln, 2010, Illustrationen: Hannes Binder), eine Anthologie Von Inseln weiss ich… Geschichten von den Färöern veröffentlichte sie 2006 gemeinsam mit Anna-Katharina Dömling beim Unionsverlag.

Und nun also Bäume fliehen nicht: ein Buch mit einer differenzierten Sprache, die der schwierigen Spurensuche eines Deutschen nachgeht, der als Kind zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem damaligen Ostpreussen fliehen musste. Wie erinnern wir uns, was sparen wir aus, worauf bilden wir unsere Lebensgeschichten, unsere Biographien? Diese Fragen treiben den vielschichtigen Text an. Nach Jahrzehnten Abwesenheit kehrt Jürgen zurück, unternimmt eine Reise durch das einstmals deutsche Gebiet bei Gdansk/Danzig und Sztutowo/Stutthof, überquert, auf dem Weg nach Nordwesten, die Grenzen nach Russland und schliesslich Litauen. Gemeinsam mit seiner Frau Bea begleiten wir ihn bei seinen Rekonstruktionsversuchen, der Suche nach den Häusern, in denen er in den 1940er Jahren als Kind gelebt hat, eine Zeit mitten im Krieg, von traumatisierenden Erfahrungen geprägt. Die Gegend an der Ostsee hat sich seither teilweise grundlegend verändert, vieles von damals ist verschwunden oder umgewertet. Ein in seine Einzelteile zerborstenes Mosaik liegt vor Jürgen und Bea, das sie mit Hilfe von Erinnerungsbildern, Archivmaterial, Photographien und auch mit kundigen Lokalhistorikern, Spürnasen und alten Bekannten zusammenstückeln. Zuweilen ist dies wie im Dunkeln oder im dichten Nebel herumtappen, dann wieder hängt vieles von intuitiven Gefühlen oder hartnäckiger, unnachgiebiger Recherche ab.

Auch eine detektivische Geschichte, aber noch viel mehr ist Verena Stössingers Bäume fliehen nicht: eine genaue und schmerzhafte Reflexion darüber, wie wenig wir letztlich festhalten können, wie sich alles verändert und wie wenig wir zuweilen über unser Leben sicher wissen können. Das Gedächtnis ist brüchig und trügerisch, und die Reise bringt Jürgen zwar in seine Kindheit zurück, doch: in eine, die er so nicht kannte. Und noch einmal muss er sich in einen anderen Kontext setzen und seine Lebensgeschichte umschreiben. Die Stimmung von Bäume fliehen nicht deutet der schöne Buchumschlag an, den Verena Stössinger von ihrer Tochter, einer Grafikerin, hat gestalten lassen. Die Baumreihe auf der Photographie (aufgenommen vom britischen Landschaftsphotographen Michael Kenna) zieht sich von der Frontseite über den Buchrücken bis nach hinten; der vielleicht letzte Rest eines einstigen Waldes trotzt stolz, aufrecht und beharrlich, aber auch schon gezeichnet von Entbehrungen, der Unbill eines weiteren unerbittlich kalten Winters. Hoffen wir, dass die kommende Zeit für die Autorin Verena Stössinger im Gegensatz dazu viele Früchte trägt.




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