Schweizer Monat
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Literatur schreibt Topographie

Von Michael Wiederstein

Liebe Leser

Kürzlich stand ich als Pfingstreisender südlich von Thusis im Stau. Unfall im Tunnel weit vor mir, nichts ging mehr, ich schaute aus dem Fenster: Abgründe und viel Beton, immerhin sonnig. «Via Mala» stand da – eine Zündung bei längst ausgeschaltetem Motor. John Knittels gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1937 erzählt kaum von der Schlucht, dafür von Prügelvätern und Kutschfahrten. Ob wohl eine Reise zu Fräulein Rottenmeier nach Frankfurt  ganze Kutschenstaus gekannt hat? Und: ob Frau Spyri sich jemals hätte ausmalen können, dass das Heidiland einmal einen gescheiten Raststättennamen abgeben würde? Hat Gert Fröbe sein Steinbock-Auto aus Dürrenmatts «Versprechen» nicht schon dort getankt? Und Leo Tuor fand – sicher – seinen Giacumbert Nau dort vorne vor, nur weiter oben, in den Fels- und Nebelburgen der Greina, die mich auf noch eine zweite Weise von der Heimat Giovanni Orellis trennen.

Viele Stunden später, nun südlicher, dort, wo Glausers Studer, Hesses Klein und Hesses Wagner, Frisch höchstselbst und niemals Goethe, dafür aber Burgers schnellster Schlitten langkamen, überlege ich mir bei Tempo 80, was Herr Graf und auch Herr Mühsam wohl heute über den Lago Maggiore zu sagen hätten. Und wieso die Highsmith wohl in Tegna gewohnt hat und nicht noch etwas weiter hinten? Dort, nordwestlich von den Nackttänzern, wo der erwähnte Max mit dem Alfred und dem Golo Boccia spielte? Endlich, am Ortasee, stelle ich fest: Zwischen Thusis und Markus Werners «Festland» liegen nicht nur 180 Kilometer, Jahrhunderte und nochmal 3 Stunden – sondern auch mehrere tausend Buchseiten. Und das bei kleinster Auswahl!

Literatur schreibt Topographie, im Aargau, im Kosovo und auch in Nepal. Sie erschafft Landschaften, die jedes Patentamt der Welt überfordern. Und weltweit dürfte die literarisch-landschaftliche Nachweisdichte nirgends höher sein als in der Schweiz. Warum also überhaupt verreisen? Eben.

Viel Vergnügen!




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