HR Giger, was macht die Kunst? 

Gerade komme ich aus Wien zurück, wo eine Retrospektive mit meinen Werken aus den letzten 50 Jahren eröffnet wurde. Ist schön geworden. Aber sonst bin ich nicht mehr so unternehmungslustig. Ich warte. Etwa auf einen Vertrag aus der Filmbranche. Bald sollte ich wieder mit Ridley Scott zusammenarbeiten. Ich habe zwar schon damit begonnen, aber einen Vertrag habe ich noch immer nicht. Das hält mich grad etwas in der Schwebe.

Spielt das neue Filmprojekt wieder in einer Fantasy- und Science-Fiction-Welt?
Ja, zuerst sollte es ein Prequel zu «Alien» werden, jetzt hat man aber den Titel geändert. In «Prometheus». Der Film hat nur noch indirekt mit «Alien» zu tun.

Ist doch gut, dann kannst du was ganz Neues erschaffen! Wie weit darfst du das Aussehen des Filmes mitbestimmen?
Ich soll Teile des Setdesigns machen. Aber ich bin für diese Produktion nicht so wichtig. Vor über dreissig Jahren bei «Alien» war das noch anders. Da habe ich Tag und Nacht gearbeitet, hier im Keller und in den Studios. Heute fehlt mir diese grosse Lust – oder Kraft. Ich reise nicht mehr so gern, und das Arbeiten in der Fremde fällt mir zunehmend schwerer. Ich bin etwas faul geworden.

Kommt denn Ridley Scott nicht zu dir, wenn er etwas von dir will? Neben Scott sassen doch auch schon David Fincher und andere Hollywood-Regisseure an diesem Tisch in Oerlikon.
Ja, ganz am Anfang, da kamen sie zu mir, hier in diese Stube. Diesmal hab ich Ridley in London getroffen. Einmal sogar in diesem wahnsinnigen Hotel, wo sie «Goldfinger» mit dem Gert Fröbe gedreht haben. Du sitzt übrigens auf einem Harkonnen-Stuhl aus dem Setdesign für «Dune»; der wurde dann leider ohne mich und Dalí, der die Hauptrolle spielen sollte, von David Lynch realisiert.

Aber auch sonst scheint einiges los zu sein: neben dem Filmprojekt und der Retrospektive in Wien gibt es ja auch noch dein Museum im Schloss Gruyères mit seiner permanenten Übersichtsausstellung. Wie kamst du zu diesem Schloss?
Genau genommen ist es ja das Schloss St-Germain, eine Art Vorburg von Schloss Gruyères. Anlässlich meines 50. Geburtstags hatte ich im höher gelegenen Hauptschloss ausgestellt. Das war 1990. Da berichteten mir die an der Ausstellung beteiligten Leute, dass die Vorburg zu ersteigern sei. Und sie haben mich schliesslich dazu gebracht, sie zu kaufen. Das war verdammt teuer, ich habe heute noch Schulden. Damals musste ich einen Haufen Bilder verkaufen, um das zu finanzieren. Und dann musste umgebaut werden, die von mir gestaltete Bar kam rein – das war unfassbar stressig und teuer, aber ich bereue es nicht. 

Woran arbeitest du zurzeit? Gibt es mal wieder neue Gemälde?
Mit Airbrush habe ich schon 1992 aufgehört. Ist einfach verdammt anstrengend. Irgendwann hatte ich die Nase voll. Nach 20 Jahren reichte es. Auch hatte ich in meinen Augen alles gemalt, was es zu malen gab. Wiederholung nur um der Erwartungshaltung anderer willen möchte ich nicht betreiben. Seither zeichne ich eigentlich nur noch. Irgendwelche Ideen, in eine Art Tagebuch. Ich habe nun schon um die 50 oder mehr Bücher gefüllt.

Werden die veröffentlicht?
Bisher noch nicht. Aber es ist angedacht, sie einst herauszugeben. Eventuell zusammen mit dem Werkkatalog, an dem Marco Witzig und Matthias Belz derzeit arbeiten.

Arbeitest du täglich?
Jetzt wieder. Allerdings war das nicht immer so – ich habe viel Fernsehen geschaut, vor allem Serien. Und ich bin ein Comicfan. Das Comicmagazin «Strapazin» habe ich noch immer abonniert. Ja… ich bin nicht mehr so fleissig wie früher.

Bedauerst du das?
Ich bin eigentlich froh, wenn niemand etwas von mir erwartet. Ich will meine Ruhe haben. Ich muss niemandem mehr beweisen, was für ein toller Typ ich bin (lacht).

Du brauchst also nicht deine tägliche Dosis Kunst?
Ich habe Freude, wenn ich etwas Neues entdecke. Wenn ich etwas entdecke, das ausserordentlich ist, dann freut mich das sehr. Ich sammle immer noch Bücher und Kataloge, obwohl ich nicht mehr weiss, wohin damit. Es macht mir einfach Spass. Und wenn jemand mich als Motor oder Referenz gebraucht, dann freut mich das sogar besonders. Aber es muss nicht sein.

Was kann Kunst bewirken? Allgemein – und für dich im Speziellen.
Wenn ich wieder einmal in eine Depression zu fallen drohe, dann schaue ich meinen Werkkatalog an, das hebt meist meine Stimmung. So einfach ist das. Ich habe eine Genugtuung und eine Freude, die mir zeigt, dass das, was ich mache, vielleicht doch nicht so sinnlos ist. Als ich früher Werke schuf, war ich nicht immer so überzeugt davon. Doch je älter ich werde und je öfter die Sachen gezeigt werden, desto mehr glaube ich daran, etwas gemacht zu haben, das doch noch irgendwie wichtig ist. Bei der aktuellen Ausstellung in Wien kamen etwa zur Eröffnung über 1200 Besucher. Das war schon toll.

Du brauchst also das Publikum und seine Liebe?
Klar. Da bin ich auch verwöhnt worden. Ich höre immer wieder, dass meine Werke von so vielen Leuten wertgeschätzt werden. Aber mittlerweile hält mich genau das auch von Vernissagen ab, auf denen ich signieren muss. Überall, wo ich auftauche, wollen die Leute Unterschriften von mir. Ich verstehe das, aber es ist… ja, anstrengend. Kaum kommt man irgendwohin, taucht jemand mit einem Buch auf oder will, dass ich auf dem Rücken unterschreibe. Ich kann nichts mehr machen, ohne zu signieren. Und wenn ich mal beginne, kommen immer mehr Leute – am liebsten würde ich dann einfach ganz verschwinden.

Die Kehrseite des Erfolgs. Würdest du denn etwas anders machen, wenn du das Rad der Zeit zurückdrehen könntest?
Ich würde nichts anders machen, ausser vielleicht nicht mehr so lange zur Schule gehen. Und früher und besser Englisch lernen. Das ist das Wichtigste, wenn man zum Film will. Ich allerdings büffelte Latein, Französisch und Italienisch. Was gar nichts brachte. Wie ein Grossteil meiner Schulausbildung.

Dein Vater war Apotheker. Wie reagierte er, als du Künstler werden wolltest?
Wir hatten beide unsere Mühe damit. Mein Vater war so eine Griechisch- und Latein-Kanone! Das war übel für mich. Und für ihn auch (lacht). Aber eigentlich habe ich gar nicht Kunst studiert. Ich war zwar an der Kunstgewerbeschule Zürich, studierte aber Innenarchitektur und Industriedesign. Bei Mattmüller. Der war super. Ein unheimlich guter Pädagoge und Künstler. Und wenn ich ehrlich bin: früher hab ich sogar über die Kunst gelästert!

Und doch hast du dich für eine künstlerische Ausbildung entschieden, wie kam es dazu?
Nach dem Gymnasium habe ich als Hochbauzeichner gearbeitet. Das füllte mich aber nicht aus, zu wenig kreativ. So begann ich, auf dem Rand der transparenten Pläne Figürchen mit Tusche zu zeichnen und mit der Rasierklinge wieder teils auszulöschen. Vor allem bei Plänen für Hausfassaden hat man damals eine Spritztechnik verwendet, die mich faszinierte und mich später wohl auch zum Airbrush führte. So bin ich glaub auf die Kunst gekommen. 

Welche Kunst interessierte dich damals? Und heute?
Um diesen Zeitpunkt herum war die abstrakte Kunst sehr in. Ich habe ihr zunächst keine Chance gegeben und dachte, das sei simpel und einfach – vor allem in der Herstellung. Durch meine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule folgte aber die Erkenntnis, dass es durchaus schwierig ist, ein gutes abstraktes Bild zu malen! Schmarren gibt es viel. Heute wird viel mit Foto und Computer kaschiert. Eben darum schätze ich das Handwerk so. Wenn jemand einen Körper zeichnen kann, aus dem Kopf. Das ist faszinierend. 

Konzeptkunst interessiert dich also nicht?
Naja, es geht. Vielleicht ist das eher etwas für die neue Generation. Ich sammle jedenfalls derartiges nicht.

Wenn wir uns hier in deiner «Stube» umsehen, fällt auf, wie wichtig die menschliche Figur, insbesondere der weibliche Akt, in deinen Werken, aber auch in den anderen Exponaten ist.
Der klassische, realistische Akt hat mich eigentlich weniger interessiert. An der Kunstgewerbeschule bin ich aus dem Akt-Kurs herausgeschmissen worden (lacht). Der Lehrer meinte: «Sehen Sie denn nicht, dass diese Frau da viel dicker und stämmiger ist?» Mir hat die aber leid getan, und ich habe sie etwas höflicher gemalt, schön und edel. Der Lehrer meinte dann, es wäre wohl besser, wenn ich nicht mehr käme.

Was auch immer wieder auf deinen Bildern auftaucht: Schädel, Penis, Penetration. Sex und Tod.
Totenschädel, Mumien und Skelette haben mich schon als Kind begeistert. Ich bekam meinen ersten Schädel als Junge von meinem Vater geschenkt. Er bekam von einem Pharmavertreter aus Basel einen; den hab ich dann gleich abgezügelt. Auch sonst war ich oft mit dem Tod konfrontiert – etwa durch meine erste grosse Liebe, die sich wegen ihrer Depressionen erschossen hat. Oder durch den Tod meines Vaters und einiger anderer wichtiger Personen in meinem Leben. Auf der anderen Seite hat mich der Sex ebenfalls schon früh gefangen genommen und genau so stark fasziniert. Sex und Tod, das sind die stärksten Pole im Leben. Und vermutlich steckt im Sex der Tod mit drin. Die Franzosen nennen den Orgasmus nicht umsonst la petite mort, «den kleinen Tod». Ich hatte eine Sehnsucht nach beidem.

Von der Sehnsucht zurück zur Kunst. Was ist für dich gute Kunst?
Schwierig. Ich habe ein gewisses Gefühl für Bilder. Entweder eines spricht mich an, oder nicht. Wenn etwas ein Schmarren ist, habe ich das Gefühl dafür. Ich habe einen Haufen Bilder gesehen in meinem Leben, und gewisse Sachen finde ich einfach toll. Arnulf
Rainer zum Beispiel. Die Kraft, die dahintersteckt, hat mich fasziniert, ebenso Günther Brus und Ernst Fuchs. Von den Alten müssen natürlich Salvador Dalí und Hieronymus Bosch erwähnt werden. Ich war kürzlich in Madrid im Prado und habe mir seinen
«Garten der Lüste» angesehen – einfach der Hammer. Und was du auch schreiben musst: die Ägypter, die waren total wichtig für mich.

Und die Schweizer? Man könnte deinen phantastischen Realismus durchaus in der Nachfolge von Heinrich Füssli und dem späten
Arnold Böcklin positionieren. Gibt es jemanden, den du besonders magst und der dich beeinflusst hat?
Sicher André Thomkins, andere schätze ich einfach sehr: Bernhard Luginbühl, Jean Tinguely und meinen Freund Friedrich Kuhn. Neuere Positionen kenne ich eigentlich keine mehr. Ich hab es auch nicht so mit den Namen.

Du bist nicht nur Maler und Bildhauer, sondern bewegst dich in verschiedenen Schnittfeldern zwischen bildender und angewandter Kunst: Grafik, Möbel, Film, Architektur. Das ist der Kunstszene generell verdächtig.
Ich habe an der Kunstgewerbeschule als Designer und Innenarchitekt abgeschlossen. Dort lernte ich, Pläne zu machen. Durch meine Ausbildung bekam ich ein Gefühl für den Raum. Das hat mir in der Filmindustrie sehr geholfen. Aber es hat mich schon geärgert, dass ich nicht so oft ausgestellt wurde. Das heisst, an den wichtigen
Orten wie an der Biennale oder so. Wenn man unter den Künstlerkollegen keine Anerkennung findet, wenn man von ihnen nur
bedingt wahrgenommen wird – das ist schon frustrierend. Oder wenn ich zwar wahrgenommen wurde, aber für die falschen Dinge.

Als Ersatz gab es dafür einen Oscar – Fluch oder Segen?
Das war so ein Zufall. An so etwas hatte ich während der gesamten Arbeit nie gedacht, nicht im Geringsten. Dass es dafür einen Oscar gab, da war ich sprachlos. Er hat mir aber nicht geholfen, eigentlich war die ganze Sache nicht gut für meine Kunstkarriere. Damals hätte ich lieber eine Auszeichnung für meine künstlerische Arbeit bekommen, nicht als Filmausstatter, sondern als Maler oder Bildhauer. Der Oscar kommt mir erst in den letzten zwanzig Jahren zugute.

Wie würdest du dich heute bezeichnen? Wo würdest du dich einordnen?
Ich bin Designer. Das trifft es glaub ich am besten. Oder? Ich habe nie zu einer Schule oder Gruppe gehört. Ich war meistens allein und einsam.

Gibt es noch einen Traum, den du verwirklichen möchtest? Ein Werk, das du noch machen musst?
Ich glaube nicht. Einer dieser Träume war einmal die Geisterbahn in meinem Schloss. Aber das war unbezahlbar und technisch
eigentlich unmachbar. Nach «Species» konnte ich dann immerhin eine kleine Eisenbahn in meinem Garten realisieren. Aber die funktioniert heute nicht mehr. Begraben unter dem Plunder. Man sieht eigentlich nur noch die Gleise, die den Garten durchziehen.