Der Everest hatte dieses Jahr wieder einiges an schlechter Presse. Christian Kracht auch.

Warum bloss, fragt sich der feingeistige Bergsteiger? Die Schweiz ist nicht das Land der Berge. Sie ist ein Land inmitten kleiner, aber sehr schmucker Berge, die bedeutsam waren, als der Alpinismus über die Gletscher laufen lernte. Doch selbst ihre furchterregenden Nordwände waren nach und nach bezwungen und der Blick wandte sich ab auf die Giganten Asiens und Südamerikas. Was blieb, waren das Erbe eines einst mondänen englischen Tourismus, das Heidi und geschicktes Marketing. Oder wie der russische Zeltkamerad mal meinte: «Switzerland nice! Small country, small mountains!» Das schmerzt natürlich. Man kann da gutschweizerisch beleidigt sein – oder herausgefordert. Letztere brechen nach Kathmandu auf, wo in der Vor- und Nachmonsunzeit Tausende ankommen und ihren klirrenden Rucksack in den Staub werfen. Wild entschlossene Bergsteiger mit scharf geschliffenen Steigeisen, vorbereitet, ihre Zelte in den Schnee zu graben, finden sich hier in betäubender Hitze wieder, fröhlichem Gewusel, Flipflops und schweren Schwaden dicksten Haschischs. Unruhig besichtigen sie Tempel und schreiten Stupas ab, während die Formalitäten zur Weiterreise ihren Weg durch viele Hände und kleine Zettel suchen. Das ist nicht der Moment, die Nerven mit einem Kulturführer noch weiter zu reizen. Trotzdem hier eine Empfehlung im Angedenken der Stunden im Transit-Airport Bangkok: «Gebrauchsan-weisung für Kathmandu und Nepal» von Christian Kracht und Eckhart Nickel. Mit der Pointe, die so subtil gesetzt ist, dass man sie beim Aufschlagen schon überblättert hat – dieser Titel! Ausgerechnet die ehemaligen Pop-Literaten sollen sich von der Dachterrasse und den Drinks des Hotels Sugat wegbewegt haben, um sich im kleinteiligen Recherche-Nirwana zu verlieren? Haben sie natürlich nicht. Zwei Jahre lang wohnten die beiden in dem kleinen Hotel an der ehemals berüchtigten Freak Street und produzierten in ihren mit weissem Bootslack gestrichenen Redaktionsräumen das Literaturmagazin «Der Freund». Die Erlebnisse aus dieser Zeit ergeben keinen Reiseführer, aber ein Abbild der Wechselwirkung westlicher und nepalesischer Kultur, die nicht erst mit der Hippie-Parole «Christmas 66 in Kathmandu!» beginnt. Dies gelingt schon deshalb, weil die Autoren seit ihren Anfängen unter dem Generalverdacht der Eitelkeit und des Elitarismus schreiben und noch in den exotischsten Orten der Welt über sich selbst und die eigene Kultur berichten. Doch hier hebt sich die windzerzauste Augenbraue des literarisch bewanderten Bergsteigers. Sind das nicht die bekannten Vorwürfe aus der Bergliteratur, die Begleitmusik zu jedem alpinen Grenzerfahrungsbericht: Subjektive Darstellung der Ereignisse, Ego statt Ethno, Selbstdarstellung statt Auseinandersetzung? Klar sind sie das, doch ist es bei Himalaja-Biographien geradezu Tugend, die Reise als Weg zu sich selbst zu beschwören. Was den einen Frevel, ist den anderen Erkenntnis. Und so lesen wir höchst unterhaltsam vom Pink-Floyd-geschädigten Hobbybrahmanen aus Konstanz oder vom gescheiterten Versuch der nepalesischen Hermann-Hesse-Gesellschaft, das Goethe-Institut abzuzocken, und dem folgenden Saufgelage mit Botschaftern und Presse in den Redaktionsräumen von Kracht und Nickel. Weiter kommen vor: der Jazz-Gitarrist Barney Kessel, die Dekonstruktion eines Putsches, die schwarzen Lederjacken der Bodyguards eines Buddhas, eine Teestunde mit Prachanda, dem Premier der Maoisten, und souverän beiläufig dann eben doch die kenntnisreichen Geschichtsdetails und Alltagsbeschreibungen Nepals. Die beiden sind schliesslich Profis. Warum also immer diese mediale Schelte? Statt sich über die Zustände am Everest zu empören, könnte man sich einen Abend lang dem Wahnsinn in der Hörnlihütte am Matterhorn aussetzen, dieser Swiss Miniature. Oder besser noch das Everest Base Camp entspannt als Schaustück der eigenen Leistungs- und Selbstverwirklichungskultur betrachten – unter dem Brennglas der achttausendachthundertachtundvierzigfach verstärkten Höhensonne.