Das Dreisäulenmodell der Schweiz gilt als Vorzeigebeispiel einer effizienten Altersvorsorge. Ist es das wirklich? Es gibt berechtigte Zweifel, ob Herr und Frau Schweizer wirklich gelassen ihrer Altersvorsorge entgegenblicken dürfen. Mindestens die erste und die zweite Säule scheinen die Komfortzone bereits verlassen zu haben. Die AHV ist als Sanierungsfall erkannt. Schönfärberisch ist von «Revisionen» die Rede. Doch mehr als Flickwerk ist bis jetzt nicht in Sicht. Die Folgen sind mittlerweile selbst für den Mittelstand spürbar: Der AHV-Beitrag verkommt zur Umverteilungssteuer.

Die zweite Säule hingegen wird weiterhin hochgelobt. Dabei bläst ihr seit Jahren ein rauher Wind entgegen, der sie regelrecht zu unterhöhlen droht: Die auf den Finanzmärkten erzielten Renditen sind ungenügend; die demographische Entwicklung ist ungünstig. Zahlreiche Pensionskassen sind bereits in Unterdeckung geraten und gleiten immer tiefer in die Bredouille. Nachhaltige Sanierungen sind oft schwer durchsetzbar, weil die Kosten den Betroffenen direkt wehtun, zum Beispiel in Form höherer Lohnbeiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Daraus erwächst den betroffenen Unternehmen meistens auch noch ein Nachteil auf dem Arbeitsmarkt. Auch ist nicht jedes Unternehmen wirtschaftlich in der Lage, bei Bedarf beliebig freie Mittel einzuschiessen, um den Deckungsgrad ins Lot zu bringen. Und wenn eine öffentlich-rechtliche Kasse in Schieflage ist, muss die Deckungslücke beim Steuerzahler geholt werden. Diese Konstellation birgt sozialen Sprengstoff, den es rechtzeitig – heute, nicht morgen – zu entschärfen gilt.

Realitätsfremde Zinsvorgaben

Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen brav Jahr für Jahr ihre Beiträge in die zweite Säule; doch der dritte Beitragszahler streikt. Auf den Finanzmärkten eine ansprechende Rendite zu erzielen, ohne ein beträchtliches Risiko einzugehen, ist kaum mehr möglich. Mit Obligationen lässt sich im Niedrigzinsumfeld kaum mehr etwas verdienen. Aktien dümpeln vor sich hin oder zeigen eine Volatilität, welcher das Risikomanagement kaum gewachsen ist. Ausserdem spielt den Schweizer Pensionskassen der starke Franken übel mit. Eine Diversifikation ins Ausland hat den Kassen ausser zusätzlichem Risiko auch kaum etwas gebracht. Die Senkung des Mindestzinssatzes auf 1,5 Prozent im letzten Herbst spiegelt die trübe Lage. Zur Erinnerung: der Mindestzinssatz wird vom Bundesrat politisch festgelegt und gilt als Richtschnur, wie die obligatorischen Beiträge an die zweite Säule – der grösste Teil der Zwangsersparnisse der meisten Schweizerinnen und Schweizer – verzinst werden.

Das Problem ist, dass dieser optisch tief anmutende Zinssatz immer noch viel zu hoch, mithin realitätsfremd ist.1 Die letzten zehn, strenggenommen sogar zwölf Jahre waren für die Pensionskassen verlorene Jahre – das Kapital der Beitragszahler ist seit 2000 de facto geschrumpft.2 Doch: darf überhaupt mit steigenden Aktienrenditen gerechnet werden?

Die Hinweise mehren sich, dass sich die Konstellation für Aktien grundlegend verändert. Das St. Galler World Demographic & Aging Forum (WDA) liefert Indizien, die zumindest in den Industriestaaten früher oder später ein radikales Umdenken erfordern. Zumindest in den USA lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Heranwachsen der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, den «Babyboomern», und der Entwicklung der Aktienkurse bereits nachweisen. Der Börsenboom der 1990er Jahre fällt in der Tat mit der Zeit zusammen, in der sich die meisten Babyboomer in ihrer persönlichen Sparphase befanden, d.h. zwischen 45 und 60 Jahre alt waren. Seither erreichen immer mehr Babyboomer das Pensionsalter, kaufen deshalb weniger Immobilien und Aktien und beginnen tendenziell ihr Kapital aufzuzehren. Japan kennt dieses Phänomen schon länger. Jetzt hat es die europäischen Märkte erfasst. Diese Nachfrage der geburtenstarken Jahrgänge fehlt heute den Aktienmärkten der industrialisierten Länder. Die Aktienmärkte der Schwellenländer haben ihrerseits noch nicht die Tiefe erlangt, die ein Ausweichen voll ermöglichen. Aber es ist klar, dass die Aktienmärkte der Schwellenländer aus dieser Optik auch für Schweizer Pensionskassenfonds die Märkte der Zukunft sind, ja sein müssen

Die Jungen werden vergessen

Trifft diese These auch nur ansatzweise zu, müssen sich die Pensionskassen vom dritten Beitragszahler auf Dauer verabschieden. Umso schwerer wiegt dabei die Hochrechnung, dass der Anteil der über 60jährigen an der Bevölkerung in der Schweiz von heute knapp 30 Prozent bis ins Jahr 2050 auf 37 Prozent klettern wird.3 2050 ist gar nicht so weit weg, wie es auf den ersten Blick erscheint: Wer heute ins Berufsleben tritt, wird dann auf die 60 zusteuern. Für diese Generation stellen wir heute die Weichen. Die 20- bis 30jährigen haben Anspruch darauf, dass ihnen heute Wege aufgezeigt werden, wie ihre Altersvorsorge auszugestalten ist, wenn das Zwangssparen in der zweiten Säule nicht mehr genügend rentiert.

Die demographische Scherbewegung trifft aber über längere Zeit alle Beteiligten der zweiten Säule. Besonders ungemütlich ist die Lage heute schon für Pensionskassen mit rentnerlastigen Beständen und für Kassen von öffentlich-rechtlichen Körperschaften, die seit Jahren einen stabilen oder sinkenden Personalbestand aufweisen.

Die Pensionskasse der SBB, die mit über 1 Mrd. Franken Steuergeldern aufgepeppt werden musste, ist nur ein Beispiel. Die BVK des Kantons Zürich wäre auch ohne die Machenschaften ihres Anlagechefs über kurz oder lang in Schieflage geraten und damit ein Fall für den Zürcher Steuerzahler geworden. Kurz: eine steigende Zahl Rentner, die erst noch immer älter werden, und eine konstant bleibende oder sinkende Zahl Beitragszahler verbinden sich zu einem giftigen Cocktail.

Überalterte Kassen werden automatisch zum Sanierungsfall, wenn sie nicht mindestens 4 Prozent oder gar 5 Prozent Rendite erwirtschaften – und zwar Jahr für Jahr! Wenn dies nicht möglich ist, müssen sie mit jungen Kassen zusammengelegt werden. Das Problem dabei ist offensichtlich: Junge Kassen werden dazu nicht freiwillig Hand bieten. Die zweite Option – den unterdeckten öffentlich-rechtlichen Pen-sionskassen junge Beitragszahler zuzuführen – hiesse letztlich, den Beamtenapparat aufzublähen und die Staatsquote noch weiter zu erhöhen. Das ist keine Lösung.

Angesichts der tristen Lage beginnen abstruse Vorstellungen über die Rolle des Staates in der zweiten Säule zu blühen. Mittlerweile glaubt selbst ein freisinniger Regierungsrat im Kanton Waadt, eine Deckung von 80 Prozent genüge für die kantonale Kasse und für Kassen von Unternehmen, die einen Staatsauftrag erfüllten.
De facto bestehe für sie eine Art Staatsgarantie. Da bedankt sich der Steuerzahler! Nur bitte dann konsequent: Staatsgarantie und Befreiung von jeglicher Sanierungsverpflichtung für alle, egal ob öffentlich-rechtliche Kasse oder Sammeleinrichtung für KMU. Schliesslich gilt in der Schweiz das Prinzip der Rechtsgleichheit. Damit würden wir die 1972 vom Volk verworfene Initiative der Partei der Arbeit «für eine wirkliche Volkspension» durch die Hintertür kalt einführen. Wollen wir das?

Es ist klar: Weitermachen wie bisher ist keine Option. Das System zweite Säule ist heute morsch. Es beginnt bleischwer auf den heutigen und künftigen Steuerzahlern zu lasten und wird uns erdrücken, wenn wir nicht handeln. Ohne drastische Eingriffe kippt das System zweite Säule und fällt ins Bodenlose. Die Leistungsversprechen werden zu Makulatur. Kassen, die heute noch im Leistungsprimat geführt werden, d.h. den Rentnern den Prozentsatz des versicherten Lohnes auszahlen, streuen ihren Begünstigten Sand in die Augen. Für solche Kassen in Schieflage würde selbst eine substantielle Senkung des Umwandlungssatzes bloss wie ein Schmerzpflaster auf einem Holzbein wirken.

Für das Gros der Kassen, die im Beitragsprimat geführt werden, d.h. die Leistungen von den Beiträgen und Zinsen abhängig machen, kann ein Kippen noch verhindert werden. Doch dazu bedarf es neuer Ansätze. Die Pensionskasse von Novartis und andere suchen Lösungen, indem sie für Lohnkomponenten im überobligatorischen Bereich den Destinatären zusätzliche Performance anbieten, ihnen aber auch die damit verbundenen höheren Anlagerisiken aufbürden. Das ist sinnvoll, löst aber die Herausforderung im obligatorischen Bereich nicht.

Kassen zur Effizienz zwingen?

Müsste man bei der Drehschraube Rentenalter ansetzen? Höhere Lebensarbeitszeiten hülfen, aber auch nur für Kassen von Unternehmen, die über einen ständigen Zustrom neuer Beitragszahler verfügen. Für bereits «überalterte» Kassen reicht das indes nicht. Für sie sind wohl Zusammenlegungen unumgänglich. Da könnte zum Beispiel die vom Bundesamt für Sozialversicherung diesen Winter ins Leben gerufene Oberaufsichtskommission (OAK) aktiv werden. Sie müsste sicherstellen, dass Effizienz in der Vermögensverwaltung, der Rückversicherung und der Administration in allen Kantonen gleich gelebt wird. Und sie muss das auch durchsetzen können. Nur: eine aufgeblähte OAK, die ähnlich der FINMA mit jeder neuen Aufgabe schwerfälliger und realitätsfremder wird, wünscht sich auch niemand.

Als Ausweg bleibt die konsequente Umsetzung der Idee des Beitragsprimats. Das heisst: Im Zeitpunkt der Pensionierung ist der Beitrag vorhanden, der auch tatsächlich angespart worden ist. Dieser Beitrag wird entweder als Kapital ausbezahlt oder in eine Rente umgewandelt, und zwar zu einem Umwandlungssatz, der aufgrund der aktuellen Lebenserwartung zu errechnen ist. Dazu bedarf es dann keines politischen Entscheids mehr, vielmehr wird der Satz aufgrund der – hoffentlich korrekt nachgeführten – Sterbestatistik jährlich festgestellt. Damit erübrigte sich die leidige Feststellung des Deckungsgrads und von Kursschwankungsreserven. In einem solchen System wäre auch die Einführung der freien Wahl der Pensionskasse ein Leichtes.

Die Säule 3a weist, allerdings ohne Rentenmöglichkeit, in diesem Sinn durchaus den Weg. Aus Respekt vor dem an sich sinnvollen Dreisäulenprinzip und aus Verantwortung gegenüber den unter 30jährigen gilt es zu handeln. Und zwar jetzt.

 


1 Der Schweizerische Pensionskassenverband ASIP lässt jeweils halbjährlich durch die Beratungsfirma Towers Perrin einen Performancevergleich der Schweizer Pensionskassenfonds errechnen. Demnach hat der Median aller Schweizer Vorsorgeeinrichtungen 2011 eine Rendite von -0,2 Prozent erwirtschaftet, also Geld verloren. Ein statistischer Ausreisser? Leider nicht. Über die letzten fünf Jahre liegt die Medianrendite nur knapp über null. Genaugenommen sind es 0,2 Prozent, und das trotz dem Superjahr 2009. Über zehn Jahre liegt die Medianrendite immerhin auf 2,4 Prozent. Diese deckt in der Mehrzahl der Fälle gerade mal die Kosten für Administration und Rückversicherung.

2 Sowohl der Fünf- wie der Zehnjahresvergleich stellen vermeintlich grundlegende Erkenntnisse der Portfoliotheorie auf den Kopf. Konkret haben die Anlagekategorien Aktien Schweiz und Aktien Ausland schwächer performt als Obligationen Schweiz und Obligationen Fremdwährung. Statt die laufenden Verbindlichkeiten aus den Obligationencoupons zu zahlen, mussten die Pensionskassen in dieser Dekade auf Dividenden zurückgreifen oder eben Vermögen verzehren. Natürlich werden die Finanzwissenschafter nicht müde zu betonen, man müsse eben lange ­Perioden anschauen, damit sich Diversifikation und Übergewichte von Aktienbeständen auszahlten; selbstverständlich zahlt die Durchschnittsschweizerin während rund 40 Jahren Beiträge an die zweite Säule. Doch dass die letzten 12 von 40 Jahren verloren­gingen, hat keine Statistik vorgesehen!

3 UN Population Division: World Population Prospects: The 2010 Revision
http://esa.un.org/unpd/wpp/index.htm