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Der Soldat und das Baby

Olivier Sillig: Skoda. Zürich: Bilger, 2012.
Von Martina Läubli

Eine Granate explodiert in einer mediterranen Landschaft. Der junge Soldat Stjepan überlebt als einziger. Auf der Flucht kommt er an einem Auto vorbei, aus dem nackte Frauenbeine ragen. Die Frau ist tot, doch das Baby an ihrer Brust lebt. Stjepan zögert einen Moment, dann nimmt er das Baby mit und nennt es nach der Automarke: Skoda.

So beginnt die Geschichte der wundersamen Verwandlung eines Soldaten in einen Liebenden, die zugleich ein kleines Roadmovie ist und ein Gleichnis über Menschlichkeit im Krieg. Dieser Krieg findet im auseinandergebrochenen Jugoslawien statt. Es geht hier aber nicht um Nationalitäten oder um eine genaue Lokalisierung der Kriegsfronten. Vielmehr zeichnet der kurze Roman einen mörderischen Alltag, in dem sich Nachbarn töten und hinter jedem sanften Hügel ein Hinterhalt lauert.

Wie Stjepan das Baby Skoda durch den Krieg zu retten versucht, erzählt Olivier Sillig rasant und in einer schlichten, beinahe minimalistischen Sprache, die die Kindlichkeit des noch kaum erwachsenen Protagonisten spiegelt. In rascher Folge geraten Stjepan und Skoda in undurchschaubare Situationen, in denen Stjepan blind und doch richtig reagieren muss, um zu überleben: in die Hände eines Zöllners, der seine Macht skrupellos ausspielt; auf einen nur von Frauen bewohnten Bauernhof, wo Stjepan die schöne Marija kennenlernt, die ihren Dolch gezielt gegen Soldaten einzusetzen weiss; und schliesslich ins Innere eines Milchlastwagens. Die sinnliche, geradezu körperliche Intensität der Erzählung verhindert dabei, dass «Skoda» zu einer flachen Parabel gerinnt. Zuneigung und Brutalität sind so unmittelbar präsent wie Hitze, Schmerz, Sex, Blut, Staub, der Duft des Thymians und das Rufen der Zikaden. Der Text lebt von präzisen Beobachtungen wie Stjepans Bemühen, Skoda zu füttern: In eine alte Plastiktüte sticht er ein Loch, so entsteht ein Schoppen. Inmitten von Tod und Zerstörung beginnt Stjepan, in die Verantwortung der Vaterschaft hineinzuwachsen.

Weil sich «Skoda» derart spannend liest, verzeiht man Olivier Sillig seinen Hang, alles – insbesondere die Flüssigkeiten Blut, Wasser und Milch – symbolisch aufzuladen und die Ereignisse teils überdeutlich zu schildern. Der eigene Ärger über die Naivität des Erzählers und seine Anstrengung um Bedeutsamkeit, der beim Lesen in solchen Momenten aufsteigt, legt sich bald wieder angesichts der Intensität und archaischen Wucht dieser Lektüre. Die Geschichte spricht für sich, sie hätte folglich Aussagen von falscher Eindeutigkeit wie den Schlusssatz «Das Leben geht weiter» gar nicht nötig. Die Gewalt, die «Skoda» sowohl auf der Ebene der erzählten Ereignisse als auch der sprachlichen Bilder durchdringt, widersetzt sich der Erzählerstimme und lässt radikal offen, wofür das Baby, das am Ende allein in einem See von Milch liegt, steht: für die Hoffnung oder eben gerade für die Hoffnungslosigkeit in Zeiten des Krieges.

Skodas Geschichte berührt, gerade weil sich der Text jedes Pathos vorenthält und in seiner Schlichtheit einen intensiven Wahrnehmungsraum schafft. Das schmale Buch ist Silligs siebtes, nach dem Historienroman «Die Schule der Gaukler» das zweite, das auf Deutsch übersetzt wurde. Das vielfältige Werk des Lausanner Romanciers, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Maler, Psychologe, Filmemacher und Informatiker ist, ist in der Deutschschweiz leider noch kaum bekannt. Zu entdecken ist ein gewiefter Erzähler. Sein Erzähltalent verdankt Sillig nach eigenen Angaben seinen Töchtern, die als Kinder jeden Abend ungeduldig auf die Fortsetzung seiner eigenen Version von «Tausendundeiner Nacht» warteten. Gut, dass sie so hartnäckig waren.




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