Er bläst das Gespräch gleich ab, denke ich. So angespannt ist er. Der 45jährige im blauen Poloshirt mustert mich kritisch, sieht sich kurz um, dann streicht er sich die lange blonde Haarsträhne aus der Stirn, die auf den kostenlosen Verlagsphotos neuerlich so schön inszeniert ist, steckt sich eine Mentholzigarette der Marke «Salem» an und lehnt sich zurück.

Christian Kracht ist nicht nur begehrter Schriftsteller, sondern während seines Besuchs der Solothurner Literaturtage ein noch begehrteres Photomotiv. Doch von dem Rummel und Blitzlichtgewitter um seine Person hält er nichts: Anlässlich seiner Lesungen im Jahr 2012 war das Photographieren untersagt, Videos gab es schon gar nicht. Der Photograph, der Kracht bis vor wenigen Minuten in der Manier eines Paparazzo belästigte, hatte für Krachts Pochen auf Privatsphäre kein Verständnis. Auch nach mehrmaligem Hinweis seitens des Schriftstellers, die Kamera aus seinem Gesicht zu nehmen, tanzte er weiter um Kracht herum, drückte ab, knipste verwackelte Serien. Kracht drehte sich um, wollte den Schauplatz verlassen, hob schützend den Arm, versuchte irgendwann, den penetranten Herrn wegzuschieben – vergeblich. Er wurde dafür beschimpft. Kracht zeigte Nerven, fluchte zurück. Irgendwie surreal, geht’s doch um einen Autor, um einen, der schreibt.

Nun sitzt er mir gegenüber, Rivella trinkend und endlich auch freundlich lächelnd. Der lästige Herr mit dem Objektiv ist verschwunden, lamentierend, aber mit einigen unscharfen Schüssen, die er über eine grosse Onlineplattform verkaufen will. Was zählt, ist das Resultat, die Trophäe, in diesem Fall das Photo einer Literaturikone. Das Portrait eines Phänomens.

Ein Eskapist sammelt Eskapisten

Christian Kracht gibt seit Jahren kaum noch Interviews. Er will nicht Gegenstand sein, will nicht pathologisiert werden. Zuletzt geschehen ist solches im Frühjahr dieses Jahres, als der Spiegel einen Artikel über ihn veröffentlichte, um ihn als «Türsteher der rechten Gedanken», was immer das sein mag, zu verunglimpfen. Der Briefwechsel Krachts mit dem Künstler David Woodard, der dem Journalisten Georg Diez zur «Beweisführung» diente, dreht sich dabei nicht um verquere Rassisten, wie Diez suggerierte, sondern um gesellschaftliche Aussenseiter, Eskapisten, also Konsensverweigerer aller Couleur – ganz abgesehen davon, dass es hier ebenfalls um Literatur geht, also um die Freiheit der Kunst, deren Instrumentalisierung übereifrige Publizisten gerne für eigene PR-Zwecke betreiben. Insgesamt war die Diskussion eine leidige Geschichte, definitiv nicht auf der Höhe des literarischen Werks. Oder besser: da ist einer dem raffinierten Schaffensmodus eines begabten Autors aufgesessen. Die Collage von Themen und Personen, mit der wir es (auch) im Briefwechsel zu tun haben, ist eine Leidenschaft Krachts: Da finden sich der Beat-Schriftsteller William S. Burroughs neben Satanist Aleister Crowley und Underground-Filmemacher Kenneth Anger neben Theaterpunk Christoph Schlingensief. Auch die Herren Nietzsche und Wagner tauchen auf, die Beatles oder Kim Jong Il sind ebenfalls mit von der Partie – nicht zu vergessen: Dick Cheney, den David Woodard zur finanziellen Unterstützung der Rassistenkolonie «Nueva Germania» in Paraguay gewinnt. Es sind die Radikalen, die Genialen, die Ideologen und auch die Totalitären. Krachts Zugang zum Gegenstand ist entscheidend, wird aber ebenfalls von Diez verschwiegen: nicht nur dem Genialen, sondern auch dem Durchideologisierten und dem Totalitären nähert man sich am besten mit Humor und durch Hochregeln des Kontrasts, nur so wird bei letzteren die absurde Dimension greifbar, offenbart sich ihre Lächerlichkeit.

Der zitierte Briefwechsel dokumentiert die Korrespondenz Woodards mit Kracht zwischen 2004 und 2009. Zu Beginn dieser Zeit gibt Kracht gemeinsam mit dem Journalisten und Schriftsteller Eckhart Nickel von Kathmandu, dem Dach der Welt, aus die Zeitschrift Der Freund heraus, ein literarisches Sammelsurium, das noch andere, aber ebenso irrlichternde Geister wie Kurator Hans Ulrich Obrist neben Alpinist Reinhold Messner, die Schriftsteller Julia Franck und Alban Nikolai Herbst neben Grünen-Politiker Rezzo Schlauch versammelt. Zu den Illustratoren gehörte auch das schweizerische Künstlerduo Fischli & Weiss. David Woodard ist als Autor dabei. Der Künstler ist eine der streitbarsten Ikonen im Heft, zeichnet sich aber hier eher durch seine kunsttümelnde Absonderlichkeit aus als durch irgendeine politische Gesinnung.

Die Kathmandu Library

Mir gegenüber sitzt in diesem Moment also keineswegs ein ultrarechter Ideologe, sondern ein ziemlich sensibler Herr, der sicher zu viel raucht und einfach gut im Aufstöbern und Collagieren von Skurrilitäten ist. Wir unterhalten uns über die Schweiz, über das hässliche Berlin, aber vor allem über seine Zeit in Kathmandu, genauer: über die Redaktionsräumlichkeiten im «Hotel Sugat», die nur aus einem Laptop, einem Bett und einer eigens angelegten Bibliothek bestanden, der Kathmandu Library1. Sie ist auch so ein Beweis für Krachts kombinatorisches Händchen: zusammengetragen aus den wenigen Second-Hand-Buchhandlungen Kathmandus, angeblich jeden Tag ein neues Buch. Ein Asyl für die Restbestände der Trekker, die Nepal bereisten und vor dem Rückflug ins richtige Leben ihre Schinken – ursprünglich zur Überbrückung von Wartezeiten an der Bushaltestelle oder im Basislager gedacht – aus dem Rucksack nahmen und liegen liessen. Man hat es bei dieser Library mit einem destillierten Panorama der Reise- oder besser Eskapismusliteratur des 20. Jahrhunderts zu tun. Wiederum sammeln sich hier Aussenseiter, schrille Typen, jedenfalls ambivalente Existenzen. Wir treffen natürlich den eben erwähnten Burroughs wieder, machen aber auch Bekanntschaft mit Hunter S. Thompson, Christopher Isherwood, Jack Kerouac, Hermann Hesse und Hergé. Auch Henry-David Thoreau steht im Regal: Sein Walden, ein Klassiker der Aussteigerliteratur, steht direkt neben Homo Faber von Max Frisch, dem Kracht aber nach eigenen Angaben nichts abgewinnen kann. Insgesamt, so Kracht, kommt die Library auf über 800 Werke, die sich über die Jahre angesammelt haben. Was damit passiert ist, nachdem es den Freund nun schon länger nicht mehr gebe, will ich wissen. Das Redaktionsbüro in Kathmandu sei vor wenigen Wochen von Eckhart Nickel geräumt worden, erfahre ich.Noch fällige Mietzahlungen wurden durch die Übereignung von Arbeitsmaterial (Laptop, Bett, Poster, Post-its) gemindert, die Bücher habe man aber nicht abgeben wollen. Also hat man sie ausfliegen lassen. In einem Container der Qatar Airways, nun sicher gelagert am Flughafen Frankfurt am Main. Und eine potentielle neue Heimat haben die Bücher auch schon gefunden: das Tessin.

Auf nach Ascona!

Die altehrwürdige Libreria della Rondine in Ascona soll es sein. 1946 eröffnet von Leo Kok, einem Pianisten und Komponisten aus Amsterdam, in der Casa Serodine an der Piazza San Pietro unweit des Borgos. Schon seit Jahren gestaltet sich der Betrieb der Libreria als schwierig, neuerdings steht sie zum Verkauf. Kracht sei ja noch nie in Ascona gewesen, beteuert er, aber er sei interessiert daran, das Antiquariat zu kaufen. Ob sein Geld für Geschäft und Auflagen reicht, kann Kracht heute nicht sagen, die Verhandlungen aber laufen.

Nach der Lektüre von Imperium darf man behaupten: Ein besserer Ort als Ascona lässt sich für die Kathmandu Library und ihre versammelten Eskapisten kaum ausdenken. Zwar spielt die Südseeballade mehrere Tausend Kilometer entfernt vom Borgo, trotzdem ist die Menge an Verweisen auf den Monte Verità regelrecht erdrückend und die Riege an Exzentrikern, Aussteigern und Industrialisierungsverweigerern dort so prominent wie sonst wahrscheinlich an keinem Ort der Welt: Anarchisten, Revoluzzer, Künstler, Vegetarier und Einsiedler bevölkerten Ascona um die letzte Jahrhundertwende. Eines der prominentesten Zentren der Lebensreform entsteht um 1900, als vier weiss gewandete Weltverbesserer auf der Suche nach einem natürlicheren Leben den Hausberg Asconas für den Spottpreis von CHF 150 000 erwerben. Die kleine Libreria kostet auf 10 Jahre gepachtet heute etwa zwei Drittel davon, erfahre ich. Kein Schnäppchen, aber trotzdem: Ascona wäre ein guter Ort für Krachts Bücher aus Kathmandu. Die Libreria ohnehin, dieses verwinkelte Buchparadies mit seinen engen Treppen, alten an die Wand genagelten Landkarten und staubigen Winkeln.

Christian Kracht nippt an seinem Schweizer Kaltgetränk und kratzt sich am neuen, buschigen Bart. Den Erhalt der Libreria und der Kathmandu Library einer Stiftung oder dem Kanton Tessin zu überantworten, liegt ihm fern. Zu viel bürokratischer Aufwand. Ein «Guesthouse» wie das «Hotel Sugat» könne es werden, das sich dank Mundpropaganda bald einer gewissen Beliebtheit erfreue. Einzig: Gäste beherbergen und zwischen den Büchern schlafen, glaubt Kracht, könne man in der jetzigen Libreria wohl nicht. Schade, denn die Gäste könnten immerhin jeden Tag ein neues Buch hinzufügen, statt anderweitig für ein Obdach zu bezahlen – wie damals in Kathmandu. So weit die Idee.

Ich schlage ihm vor, dass wir uns einmal in Ascona treffen, er sei ja nie wirklich dagewesen. Er nickt. Und überhaupt, meint Kracht, die Libreria und Ascona seien ja Gesprächsstoff für mehrere Interviews. Er schlägt vor, das Gespräch als Mailwechsel über die kommenden Monate zu vertiefen, ein gutes Schweizer Thema. Christian Kracht löscht dann bald die letzte Zigarette und verabschiedet sich, nicht aber ohne mir noch ein Kompliment für meine Schuhe zu machen. Die, so wird man anderntags bei mehreren grossen Schweizer Tageszeitungen lesen, waren ausschlaggebend dafür, dass er sich überhaupt zu mir setzte. Dann verschwindet er gutgelaunt in den Gassen Solothurns. Und wird – wie er mir später schreibt – dort dem lästigen Photographen noch einmal begegnen.

Photos und Ikonen

Auch der Maler Emil Nolde, von dem Kracht ab S. 12 dieser Ausgabe erzählt, kannte den «Berg der Wahrheit» wohl nur vom Hörensagen. Er schickte eine junge Tänzerin zu Rudolf von Laban, Begründer des Deutschen Ausdruckstanzes, der auf dem Monte Verità in den 1920ern eine Sommertanzschule betrieb, als alle anderen Reformer schon die Segel in Richtung Südsee gesetzt hatten. Mary Wigman erlebte in Ascona den Durchbruch, bis heute kann man dort Photokarten von ihr kaufen. Die echten Renner für nostalgische Busreisetouristen zeigen die Künstlerin stets leicht bekleidet. Ihr und Herrn von Laban, abgelichtet nebst drei mehrheitlich nackten, mit ihm tanzenden Schülerinnen am Ufer des Lago Maggiore, ist es zu verdanken, dass Ascona globale Berühmtheit erlangte, ja ein Synonym für Lebensreform und Aussteigertum wurde. Heute werden ihre Posen und ihr reformerischer Habitus per Post verschickt, ohne dass jemand wüsste, wer sie eigentlich sind. Die Lebensreformer sind eine Art Popphänomen geworden, noch bevor sie sich Kracht in Imperium zur Brust genommen hat, überlege ich. Ob das ein notwendiges Kriterium ist, um in seinen literarischen Collagen von Faserland bis Imperium eine Rolle zu spielen?

Und dann kommt Kracht plötzlich noch einmal zurück, legt ein signiertes Exemplar von New Wave auf den Tisch, seinen Reportageband mit Texten aus der Zeit zwischen 1999 und 2006. Auf der ersten Seite des Paperbacks steht mit Kugelschreiber geschrieben: «Les meilleures interviews sont fait en silence.» Er greift die eben vergessene, beinahe noch gefüllte Flasche Rivella, verabschiedet sich nochmals, haucht ein «Salü», dann ist er wirklich verschwunden. Vielleicht nach München ans Set von Finsterworld. Der Film, ein «verstörender Blick auf die deutsche Gesellschaft», der in einem Nachdenken über die Gemeinsamkeiten der «Todesmaschinen Autobahn und Holocaust» wurzelt, entsteht unter der Regie seiner Frau und nach seinem Drehbuch. Er kommt 2013 in die Kinos. Als Tragikomödie, versteht sich.

 

Keine Schublade für Herrn Kracht

Ja, dass ein kulturelles Phänomen eine Art Ikon-Zustand im kollektiven Gedächtnis der Leser eingenommen hat, ist eine Voraussetzung für das Gelingen von Christian Krachts Texten.

Er katalysiert die oftmals hinter Chiffren versteckten Versatzstücke aus den verschiedensten Genres und Sachgebieten. Er kombiniert Ikone aus Hoch- und Subkultur zu einem eigenständigen und neuartigen Ganzen, das für jeden Betrachter einen eigenen Sinn oder Unsinn ergibt. Empfinden wir es als kommensurablen Unsinn, so nennen wir das auf eine erste Weise «Pop»: schlicht deshalb, weil es scheinbar leicht und lose, gut konsumierbar und ansprechend, vielleicht auch einmal infantil und derb daherkommt. Immerhin: es ist unterhaltsam.

Was für die einen Leser flach, oberflächlich oder eben als blosser Unsinn daherkommt, kann mit dem jeweils passenden Hintergrundwissen aber auch im Kopf die Sektkorken knallen lassen. Für viele Leser geht aus dem Geflecht aus historischen, zeitgenössischen und sonstigen Referenzen nämlich gerade die Schönheit, ja eine ganz eigene Art der Literatur hervor. Diese Leser haben stets vom einen oder anderen, vielleicht auch von allen Themen oder Personen aus Krachts Welt schon irgendwo gehört. Durch Lesen, durch Hören, durch Sehen, durch Er-Leben; im Geschichtsunterricht, im Radio, im Fernsehen, in der eigenen Biographie. Je mehr sie wiederentdecken, desto höher der Genuss. Das ist dann die positiv konnotierte Popliteratur, wie sie Kracht in Abwandlungen schon länger perfektioniert: Sie ist parteiisch und will recht behalten, korrespondiert auf mannigfache Weise mit dem eigenen, angeeigneten Wissen. Wer in den vollen Genuss von Christian Krachts Verweisliteratur kommen will, darf, so sehen wir, weder ausschliesslich germanistischer Sesselfurzer noch bloss weltgewandter Yuppie sein. Vielleicht hat Kracht beim Schreiben vielmehr das Leserideal eines literarischen Weltbürgers im Kopf. Einen 35 Jahre alten Thomas Mann des 21. Jahrhunderts vielleicht, der öfter auf Sylt war als an der Kurischen Nehrung.

Eine ganze Zunft von Wissenschaftern, Journalisten und Lesern ist beim Label «Popliteratur» hängengeblieben, benutzt es als Schublade für gefällige und selbstgenügsame Produkte, die sonst nirgendwo so recht hinpassen. Eine geradezu chronische Pathologisierung ihrer Protagonisten – und neuerdings auch gleich der Autoren – soll nicht nur unser Lesen erleichtern, sondern gleichzeitig und zunehmend auch unser Boulevardbedürfnis befriedigen. Die Bequemlichkeit der oben genannten Zunft hat dafür gesorgt, dass – im Gegensatz zur «Pop Art» im Kunstbetrieb – sich das Label «Popliteratur» nicht zu einem Hochwertbegriff weiterentwickeln konnte. Ihm haftet bis heute das Belanglose an, weil man die Schublade zu voll gemacht hat. Christian Kracht ist, ganz leise und von vielen Kritikern bis heute gern ignoriert oder diffamiert, längst eine Ikone dieser Literatur im deutschsprachigen Raum geworden. Mit innovativen Texten, die immer wieder eine Art Scharnierfunktion zwischen Hoch- und Subkultur übernehmen. Dank der zunehmenden Perfektion dieses Spagats ist es mittlerweile so, dass Kracht die mit ihm in einer Schublade sitzende Konkurrenz weit überragt. Dies übrigens mit allen Vor- und Nachteilen für den feinen und zurückgezogen lebenden Autor selbst – aber zum uneingeschränkten Vorteil für uns Lesern.

1 Eine unvollständige Liste der Bücher findet sich auf www.derfreund.com/library.php