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Das Leben: ein Traum

Hansjörg Schneider: Nilpferde unter dem Haus. Erinnerungen, Träume. Zürich: Diogenes, 2012.
Von Lucas Marco Gisi

Was braucht es, damit aus dem Seitenstück eines Werks dessen Filet wird? Im Jahr 2000 veröffentlichte Hansjörg Schneider das «Nachtbuch für Astrid», ein berührendes Erinnerungs- und Abschiedsbuch für seine an Krebs verstorbene Frau. Berührend die Hilflosigkeit des auf das Schreiben als einzige Lebensaufgabe zurückgeworfenen Trauernden, der bewusst der Authentizität den Vorzug vor jeglicher literarischer Stilisierung gab. Sollte das Tagebuchschreiben also zunächst lediglich Therapie in einer existenziellen Notlage sein, so scheint der Autor Gefallen an dieser Form gefunden zu haben, wie sein neustes Buch «Nilpferde unter dem Haus» eindrücklich belegt. Mit seinem Tagebuch der Jahre 2000 bis 2011 nähert sich Schneider einer Tradition autobiographischen Schreibens, die er selbst mit Max Frisch identifiziert – und verfährt trotzdem ganz anders. Um dem Risiko der Eitelkeit, der jener erlegen sei, zu entgehen, ergreift Schneider zwei Vorkehrungen: Der unkontrollierbare und insofern verräterische Traum bildet den Grundstoff, die nüchterne Alltagssprache das Medium der Aufzeichnungen. Es ist gerade diese unprätentiöse Betrachtungsweise, die es ihm erlaubt, gleichsam unter der Hand immer mal wieder einen kritischen Seitenhieb, der sitzt, in seine Erinnerungen einzuflechten.

Die eine «Hälfte» des Buches bilden Schneiders Erinnerungen an die Kindheit, die Studienzeit und die ersten Versuche als Schriftsteller, an sein Leben als «Sonderling», an die sich immer wieder sein Erstaunen über den späten Erfolg als Autor anschliesst. Ohne Umschweife berichtet er davon, welcher Anstrengungen es bedurfte, um sich einer autoritären Vätergeneration zu entledigen. Der Wille zum künstlerischen Werk erschliesst sich hier als politischer Akt zur Schaffung einer «Gegenwelt». Insofern wird Schreiben als Form von «Widerstand gegen die Realität» verstanden, als Abweichung von der Norm, indem dieser Erfundenes entgegengehalten wird. Gegen Ende des Bandes mündet die Selbsterkundung in das poetologische Credo, dass der Schreibprozess letztlich in einem wiederholten, aber stets lustvollen Verändern von Erinnerungen besteht und das eigene Leben somit nur literarisch einholbar ist.

Die «andere Seite» des Buches bilden die wiederkehrenden Träume, die Schneider festzuhalten versucht, um eine Autobiographie nach der Logik der «Traumerinnerungen» anstelle eines chronologischen Nacherzählens zu entwerfen. Es sind oft Tiere, meist «Urviecher» wie Krokodile oder Nilpferde, die seine Träume bevölkern, die ihn als zugleich fremde und vertraute Gäste heimsuchen und durch die ein unergründliches Nebeneinander von Wildheit und Zähmung, von Selbstbehauptung und Prägung als Bestandteile des Ichs zutage tritt. Da es nicht möglich sei, sich selbst als Objekt zu begreifen, erscheint der Traum in seiner Widerspenstigkeit als Residuum autobiographischer Wahrhaftigkeit, denn: «Das Einzige, was hier nicht lügt, sind meine Träume.»

Schneiders Autobiographie in Tagebuchform ist also auch ein Nachdenken über das Schreiben. Die Erinnerungen und Träume zeugen von einem Leben nach dem Erleben, in dem das Schreiben gleichsam «zum Leben geworden» ist. Man liest die in Lakonie gewendeten und mit Humor gewürzten Aufzeichnungen und merkt dabei kaum, dass man sie verschlungen hat. Aus der Sprachlosigkeit der Trauer hat Schneider zu einer eigenen Tagebuch-Sprache gefunden.




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