Ich habe die Paralympischen Spiele in London mit grossem Interesse verfolgt. Mitleid für beinamputierte Weitspringer, einarmige Schwimmer oder blinde Fussballer ist mir dabei nicht in den Sinn gekommen. Viel eher war ich fasziniert von ihrem Streben, an ihre körperlichen Grenzen und darüber hinaus zu gehen – so wie ich es bei nichtbehinderten Leistungssportlern auch immer bin. Ausserdem haben mich die heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten beeindruckt, die Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen die Freiheit geben, viele ihrer Träume zu verwirklichen. Ich sehe die Olympischen wie auch die Paralympischen Spiele als Feste menschlicher, physischer wie mentaler Leistungsfähigkeit, gewissermassen also als grandiose Road-Shows der Gattung «Mensch» und ihrer universellen Zivilisation.

Gleichzeitig aber hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch. Wurden bei den Olympischen Spielen von London atemberaubende Leistungen erbracht, waren die öffentlichen Reaktionen weitaus vorsichtiger und zweifelnder. Beinahe reflexartig wurde dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass bei diesen Höchstleistungen «hoffentlich kein Doping im Spiel» gewesen ist. Seit Jahren lebt anlässlich grosser Sportereignisse regelmässig die Debatte darüber auf, wie viel Leistungssteigerung eigentlich noch «menschlich» sei und ob der Sport nicht langsam zu einer Techno- und Pharma-Show verkomme. Bei den Paralympics war die öffentliche Sorge über mangelnde Menschlichkeit, fehlende Fairness und den Einsatz von Doping hingegen kaum ein Thema.

Es schien, als seien die Behinderten-Wettkämpfe irgendwie die «besseren, weil saubereren, unkommerzielleren» Spiele gewesen, gewissermassen die ursprüngliche, reine Form des olympischen Gedankens. Doch stimmt das? Die ehrgeizigen sportlichen Ambitionen der teilnehmenden Sportler wie auch die Genugtuung, dass den Paralympics endlich mehr öffentliche und auch kommerzielle Aufmerksamkeit geschenkt wurde als in der Vergangenheit, deuten darauf hin, dass man hier weitaus «olympischer» ist, als zuweilen angenommen wird. So zeigt auch der jahrelange Kampf des beidseitig unterschenkelamputierten Sprinters Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen und nicht «nur» bei den Paralympics antreten zu dürfen, wie sehr sich Paralympioniken eigentlich wünschen, endlich als «olympiareif» zu gelten.

Trotz des Strebens von Paralympioniken nach gleichberechtigter Anerkennung ihrer Leistungen wurden diese öffentlich anders bewertet als die nichtbehinderter Sportler. Wenn ich etwa im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen von den technischen und medizinischen Möglichkeiten der Leistungsunterstützung schwärme, ernte ich in der Regel schräge Blicke. Sagt man aber dasselbe über die Paralympics, herrscht zustimmendes Kopfnicken. Es ist seltsam: Zweibeinige und gesunde Läufer müssen wandelnde Paradeexemplare einer vermeintlichen «Natur des Menschen» sein, während andere aufgrund ihres Laufens auf federartigen Prothesen, also gerade, weil sie ihre natürlichen Fesseln abstreifen, gefeiert werden. Warum ist die technologie- oder medizinbasierte Leistungssteigerung erst dann akzeptabel, wenn ein Athlet weniger Beine oder Arme hat als andere?

Woher rühren diese so unterschiedlichen Bewertungen? Sieht man die Paralympics nur als eine Pseudo-Ersatzveranstaltung für Benachteiligte ohne jedes Leistungsstreben, bei denen es für «Doping» und Manipulation ohnehin keinen Grund gibt? Oder nimmt man die sportlichen Leistungen von Behinderten insgesamt nicht ernst? Beides wäre falsch und ignorant. Jeder, der einmal versucht hat, in einem Rollstuhl durch die Stadt zu fahren, hat eine ungefähre Ahnung davon, was es heisst, sich in einem solchen Gefährt schnell und gezielt fortzubewegen und womöglich gleichzeitig noch mit einem Tennisschläger präzise einen Ball zu treffen oder ihn gar in einem Basketballkorb zu versenken. Mit einer Beschäftigungstherapie für mitleiderregende Chancenlose hat der moderne Behindertensport nichts gemein. Er zeugt vielmehr vom Entwicklungsgrad einer aufgeklärten Gesellschaft, die für sich die möglichst gleichwertige Behandlung von Menschen mit unterschiedlichen Möglichkeiten als erstrebenswertes Ziel festgelegt hat.

Es ist daher gut, dass die Paralympics dem Behindertensport zu einer grossen öffentlichen Beachtung verholfen haben. Denn obwohl Behinderte heute mehr als jemals zuvor in der Geschichte am öffentlichen wie auch am Arbeitsleben teilnehmen, ist für viele Nichtbehinderte der Anblick offensichtlich behinderter Menschen immer noch ungewohnt. Nicht selten dominieren daher Erschrecken, Mitleid, Unsicherheit, ein schlechtes Gewissen oder der Wunsch, sich dieses Leid nicht ansehen zu wollen, die Reaktionen.

Dies hat jedoch nichts mit einer versteckten «Behindertenfeindlichkeit» zu tun. Dennoch wird dies immer wieder behauptet – sowohl von der Politik als leider auch von Behindertenverbänden. Nicht selten verleihen sie ihrem berechtigten Einsatz für die Belange behinderter Menschen mit dem Hinweis Nachdruck, die eigentliche Ursache für «Behinderungen» sei das Verhalten der «vermeintlich Gesunden». Eine solche Darstellung mag bei Nichtbehinderten zu Betroffenheit und eventuell zu mehr Rücksichtnahme führen, aber eben nicht zu einem tatsächlich gleichberechtigenden und unverkrampften Umgang mit ihren behinderten Mitmenschen. Wer diesen anstrebt, sollte Menschen nicht gegeneinander ausspielen und scheinbare Gegensätze aufbauen, sondern gemeinsame Werte und Interessen betonen.

Die Teilnehmer der Paralympischen Spiele brachten diesen Wunsch, das Gemeinsame zu betonen, deutlich zum Ausdruck: Sie wollten wegen ihrer Leistungen wertgeschätzt und nicht auf ihre Behinderungen, ihre persönlichen Schicksale oder auf die sie unterstützenden Technologien reduziert werden. Wenn wir behinderte und nichtbehinderte Menschen als gleichwertig betrachten und Barrieren für Behinderte aus dem Weg räumen wollen, dann müssen wir auch unsere grundlegenden Vorbehalte gegenüber Technologien, die die Möglichkeiten von Menschen verbessern, überwinden. Diese Skepsis verhindert Fortschritte, und sie hindert Menschen daran, ein möglichst erfülltes Leben zu führen.

Schliesslich stellt sich bei aller Faszination für die Paralympics eine grundsätzliche Frage: Wenn wir Leistungen von Sportlern mit und ohne Behinderung gleichermassen wertschätzen, warum werden Behinderten-Wettkämpfe dann nicht in das olympische Programm aufgenommen? Warum gilt Behindertensport nur als «para» und nicht als tatsächlich olympisch? Warum neben den Gewichtsklassen im Judo nicht noch zusätzliche Klassen für blinde Judoka einführen?

Eine einzige olympische Grossveranstaltung für behinderte und nichtbehinderte Leistungssportler – anstelle von zwei getrennten Veranstaltungen nacheinander am selben Ort – würde dazu beitragen, dass die Gesellschaft den Umgang mit behinderten Menschen weiter normalisiert. Und vielleicht täte ein wenig «paralympische Normalität» auch unserem sehr verkrampften Verhältnis zu Leistung und Technologie ganz gut.

Matthias Heitmann ist freier Publizist. Seine Website findet sich unter www.heitmann-klartext.de. In den 90er-Jahren arbeitete er jahrelang in der Behindertenbetreuung.