Schweizer Monat
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Ausgekochte Figuren in Wortsauce

Charles Lewinsky: Falscher Mao, echter Goethe – 48 Glossen über Bücher und Büchermacher. Zürich: NZZ Libro, 2012.
Von Isabella Seemann

Kolumnensammlungen sind so spannend wie auf CD gepresste «Greatest Hits». Da gibt es keine Überraschungen, zuvor Unveröffentlichtes, Neues enthalten sie nie. Reine Geldmacherei, sagen Puristen, rollen die Augen und rümpfen die Nase. Ein öder PR-Gag zu Weihnachten oder ideales Mitbringsel für Menschen mit schlechtem Geschmack. Und Geschenkbände will ein Bücher-Aficionado nicht geschenkt. Zumal auch die anderen Bände in seiner Bibliothek sich mit Schaudern von den billig zusammengestellten und bunt illustrierten Büchlein abwenden würden. Bei aller Skepsis: Charles Lewinskys 48 Glossen, die er zuvor in den «Büchern am Sonntag» veröffentlichte, sind zu Recht nochmals in Buchform erschienen, sie geben erfreulicherweise mehr her als einen leserischen One-Night-Stand.

Anregung zu seinen verspielten Gedankengängen über Bücher und Büchermacher findet Lewinsky in seinem Zettelkasten, den er mit Zitaten von Schriftstellern, Philosophen oder Politikern füttert. Zur Not schiebt er einem Zeitgenossen auch mal ein selbst erfundenes Bonmot in den Mund. So lässt er den Grossen Vorsitzenden Mao sagen: «Die Katze muss sich hüten, dass der Mäuse nicht zu viele werden.» Damit trat er einst in einen Argumentationswettkampf unter Intellektuellen – und gewann. Seit jenem Tag liebt er Zitate.

Ein paar Seiten weiter sagt Ex-Spice-Girl Victoria Beckham – dieses Zitat ist verbürgt: «Ich habe in meinem Leben noch nie ein Buch gelesen. Ich habe einfach keine Zeit.» Mrs Beckhams Geständnis animierte Kolumnisten aus der Mittellage zu moralinsauren Predigten. Lewinsky aber ist imstande, daraus eine kleine Kolumne reich an Eleganz, Klugheit und feindosiertem Wahnsinn zu schreiben. Gewiss, bei Lewinsky handelt es sich um einen der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller der Gegenwart, aber darüber hinaus ist er vielleicht auch der witzigste. Urteilsfreudig, aber nicht apodiktisch, und vor allem: uneitel. Sein Interesse richtet sich auf den Gegenstand und nicht darauf, ob er sich als Spiegelfläche nutzen lässt. So nimmt er Victoria Beckham, die immerhin schon zwei Bücher unter ihrem Namen auf den Markt warf, sogar in Schutz. «Ein Titel wie ‹That Extra Half An Inch: Hair, Heels And Everything In Be-tween›, der muss einem erst einmal einfallen. So was Fetziges hat Thomas Mann nie geschafft. Wobei Victoria Beckham wahrscheinlich nicht weiss, wer Thomas Mann ist. Weil der ja nicht bei Real Madrid spielt.»

Wie Lewinsky dann noch Lessing mit Charlotte Roche zusammenspannt, wie er eine lesende Schönheit mit zunehmender Ernüchterung beschreibt, wie er die Liebe von Autoren zu ihrer eigenen Schöpfung schildert – «alle paar Stunden muss ich raus aus dem Bett und im Internet nachsehen, ob schon jemand etwas über meinen kleinen Liebling geschrieben hat» –, das ist vergnüglich, belehrend, und: immer interessant.




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