Schweizer Monat
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Auch ich – ein Urheberplädoyer

Von Nora Gomringer

Autoren – überhaupt alle Kreativen – an die Klippen! Und dann, wie die Lemminge, bitte! Einer nach dem anderen! Aber das Mitgebrachte, die ganzen Künste, Fertig­keiten, Produkte vor dem Absprung für alle zur Verfügung, bitte schön! Die ­Piratenpartei fordert genau das: Aufgabe des Ichs aus falsch verstandener Hingabe an das grosse Netz-Du. Hm. Ich stelle mir das vor in der Zukunft: viel Schöpfung, nur keine Schöpfer, an denen man’s festmachen kann.

Das bedeutet auch: Alle greifen zu, greifen ab, allen gehört alles, das «Ich» ­verschwindet. Fast alle Possessivpronomina werden überflüssig. Interessant, die Idee vom Netz-Kommunismus. Vielleicht funktioniert der besser als der in der Welt? ­Gerade jetzt aber erscheinen zahllose Überlegungen zum Ich in der Welt. Andreas Meier stellt die Poetikprofessur unter den Titel «Ich» und die neue Bereitschaft zum «Ich-Satz» in Lyrik und Gespräch erhitzt die Gemüter in den Feuilletons. Seit langem einmal wieder wird das Ich nicht lyrisch, sondern zum Teil autobiographisch gedacht und ausgesprochen, was mir eher darauf zu verweisen scheint, dass wir eine Lust am Ich haben, die nicht einfach eliminiert werden kann. Neue Ich-Freuden also und gleichzeitig die Forderung von aussen, davon abzulassen und das Ich mit ­aller Bestimmtheit und Konsequenz in ein massenhaftes Wir übergehen zu lassen. Was aber, wenn ich das nicht will? Dafür habe ich ja schliesslich in einer humanistisch geprägten Gesellschaft meinen Wohnort gewählt und die Lehren des Individua­lismus auch schon mit der Muttermilch aufgesogen... selbst als Schwester von sieben ­Brüdern (allesamt Individualisten!). Mein Ich ist ein Einzeller, nein, ein Einzelner. Es ist mir nicht nur beigebracht worden, mich als Individuum zu begreifen (und zu behaupten), sondern auch als Stimme, nicht als Chor. Sicher... es gibt Chöre, bei ­deren Liedern ich einstimme. Jene vom Recycling und der gesunden Ernährung, die singe ich mit. Auch das Lied von der täglichen Calciumzufuhr und das Lied von Europa als Idee und Auftrag, aber das Lied vom Ich zum Wir, das hat eine Melodie, die mir (selbst in Beziehungen) nicht eingehen will. Als Autorin, so wurde es mir ­bisher vermittelt, ist die Suche nach der eigenen Stimme eine lebenslange. Zeitweise ist die, mit der man schriftlich an die Öffentlichkeit tritt, gar nicht so schlecht und uneigen, so dass einem und vor allem dem vorgelegten Werk Charakter zugesprochen wird, manchmal sogar eine Ehrung erfolgt. Und das soll alles nun zum grossen ­Ganzen werden? Meine Texte, die ich zum Teil sehr mühsam erarbeite, die Produzenten meiner Sprech-CDs, meine Verleger, die Künstler, die die Texte für Vertonungen, Filmbearbeitungen verwenden, die sollen leer ausgehen für ihre geistigen Produkte? Dann müssen auch Patente frei werden und zum Beispiel Maschinen von allen gebaut werden dürfen, um eine Gleichheit in diesem grossangelegten Coup zu erzeugen. Geistiges Eigentum ist Eigentum... ich gehe ja auch nicht in Ihre Träume und parke mein Auto in Ihrer Traumschlossauffahrt.




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