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Editorial
Von René Scheu
Ausländische Fiskalbehörden haben sich am helvetischen Schutz der finanziellen Privatsphäre nicht die Zähne ausgebissen, wie selbstbewusst auftretende Schweizer Politiker bis vor kurzem gemutmasst haben. Vielmehr hat sich der Bundesrat im Verbund mit grossen einheimischen Finanzinstituten still vom Bankgeheimnis gegenüber ausländischen Kunden verabschiedet. Nun will ausgerechnet ein Bankier den Schutz der finanziellen Privatsphäre in die Bundesverfassung...
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Ohne Scheuklappen
Von René Scheu
Quizfrage: Was ist heute ein Bürger? Das ist jemand, der sich mit Hilfe seines politischen Mitspracherechts holt, was ihm als Teilhaber des Staates zusteht. Oder genauer: der sich das holt, von dem er glaubt, dass es ihm zustehe. Dies scheint mir eine mittlerweile mehrheitsfähige Definition des Selbstverständnisses von Bürgern spätdemokratischer Gesellschaften zu sein. An dieses Selbstverständnis fühlte ich mich erinnert, als ich jüngst eine Werbe-E-Mail...
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Kultur Leben
Von Xenia Tchoumitcheva
Wer in der Gesellschaft nicht nur mitschwimmt, sondern sie von aussen beobachtet, sieht, wie der Einzug des Internets das Konsumverhalten verändert hat. Aus blossen Konsumenten sind wählerische Kunden geworden. Sie kaufen nicht mehr einfach, worauf man sie mit Plakatwänden oder klassischen Werbungen ansetzt. Sie haben – zum Teil ganz neue – Ansprüche. Vorbei also die Zeiten, in denen das blosse Zurschaustellen unerreichbarer Hollywoodstars mit teuren...
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Controcorrente
Von Gottlieb F. Höpli
Draussen schien die Sonne. Drinnen, wo ich verabredet war, nur Dämmerlicht. Prompt stolperte ich über einen Schirm, den ein Gast nachlässig an einen Stuhl gelehnt hatte. «Entschuldigung», entfuhr es mir unwillkürlich. Erst als der deutsche Gast lachte, kam ich ins Grübeln. Entschuldigung? Bei wem und wofür? So etwas gebe es auch nur bei den Schweizern, die sich für alles und jedes entschuldigten, erklärte der erheiterte Gast seinem...
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Stoifberg/Müller
Von Niko Stoifberg, Lina Müller
(c) Niko Stoifberg / Lina Müller
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Sofskys Welt
Von Wolfgang Sofsky
(c) KEYSTONE (Ben Thorndike)
Ungerührt schreitet der Photograph durch das Chaos. Er sucht nach dem Motiv, nach dem besten Bild der ungeheuren Begebenheit. Nur wenige Schritte sind es bis zu der Stelle, wo soeben die Bombe explodiert ist. Gelassen hält er die Kamera griffbereit in der Rechten. Die Welt ringsum ist aus den Fugen. Menschen wurden durch die Druckwelle zu Boden geworfen, sie liegen auf dem Rücken, dem Bauch, auf der Seite, einer kriecht auf allen vieren. Zwei junge Männer stürmen...
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Manager 2.0
Von Reinhard K. Sprenger
Freunde in der Not sind nicht so selten, wie uns das Sprichwort glauben macht. Einige warten geradezu auf die Not, um zu helfen. Mit dem Eifer eines Trüffelhundes suchen sie das Missliche. Es ist ihnen verdriesslich, nicht helfen zu können. Sie ärgern sich, wenn der Kollege mit seiner Not selber fertig wird. Denn sie werden arbeitslos. Erzürnter Zwischenruf: «Wie verhält es sich denn mit der Fürsorgepflicht des Vorgesetzten?»
Die Idee, die...
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Gespräch
Der eigene Fiskus will es nicht. Die ausländischen Steuerbehörden wollen es nicht. Manche Politiker wollen es nicht mehr. Viele Banken wollen es auch nicht mehr. Das einst unverhandelbare Schweizer Bankgeheimnis wird gerade abgehandelt. Der Bankier Thomas Matter hält stoisch dagegen. Mit guten Gründen.
Von René Scheu, Thomas Matter
Thomas Matter, photographiert von Giorgio von Arb.
Herr Matter, Hanspeter Thür, von Amtes wegen eidgenössischer Datenschützer, hat im April 2012 in einem Gespräch mit diesem Magazin gesagt: «Ich stehe zu 100 Prozent hinter dem Bankgeheimnis als Schutz der Privatsphäre der Bankkunden.»1 Nun scheint selbst eine Mehrheit der Banker das Bankgeheimnis – eigentlich ein Bankkundengeheimnis – für verzichtbar zu halten, seit das Geschäftsmodell mit unversteuertem Geld von Kunden aus...
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(Selbst-)Demontage des Finanzplatzes
Von Hans Geiger
Den ersten Dolchstoss haben Bundesrat und Finma dem Bankgeheimnis mit der Lieferung der Daten von 250 UBS-Kunden an die USA am 18. Februar 2009 versetzt. Der zweite folgte ein halbes Jahr später, als der Bundesrat ein Abkommen mit den USA zur Amtshilfe in Steuersachen abschloss. Darin versprach die Schweiz, für 4450 Konten amerikanischer Kunden der UBS innerhalb von 360 Tagen eine Verfügung zur Herausgabe der verlangten Informationen zu erlassen. Beide Male ging es...
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Essay
Die Schweizer Grossbanken schaffen unbeherrschbare Risiken. Sie sind selbst zum Systemrisiko geworden. Eine Provokation. Eine schonungslose Analyse der Situation. Und eine Handvoll konstruktiver Überlegungen zur Zukunft des Bankenplatzes Schweiz.
Von René Zeyer
Wenn Dinosaurier des Sprechens mächtig gewesen wären, hätten sie gesagt: «Die Erde ist ohne uns nicht vorstellbar. Nur ein Weltuntergang könnte unser Ende sein.» Ein Meteor besiegelte ihr Schicksal, und die Welt steht noch.
Schweizer Universalbanken gleichen in vielem den Dinosauriern. Nur hat kein Meteor eingeschlagen. Sondern drei Entwicklungen haben ihr Schicksal besiegelt.
Erstens. Ihr Ausflug in die grosse weite Welt des Investmentbanking hat im Desaster...
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Reprint
Wer will bloss seine eigene Haut retten? Und wer setzt seine Haut aufs Spiel? Eine Unterscheidungshilfe.
Von Nassim Nicholas Taleb
Der Mensch lässt sich nach Nassim Nicholas Taleb drei Handlungstypen zuordnen, die zugleich drei ethischen Kategorien entsprechen. Es gibt – erstens – jene seltenen Exemplare, die ihre Haut aufs Spiel setzen, um anderen zu helfen – das sind sozusagen die Heiligen. Es gibt – zweitens – jene, die ihre Existenz aufs Spiel setzen, um Erfolg zu haben – scheitern sie, tragen sie allein die Konsequenzen; gelingt ihr Vorhaben, profitieren auch andere davon....
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Gespräch
Christine Lagarde ist eine der mächtigsten Frauen der internationalen Politik. Doch selbst die Chefin des Internationalen Währungsfonds fragt sich, warum die Liquidität nicht ankommt, wo sie sollte. Ein kurzer Austausch über Risiken und Nebenwirkungen.
Von Florian Rittmeyer, Christine Lagarde
Madame Lagarde, der IWF verfolgt die weltweiten Flüsse des Kapitals, das aufgrund der erhöhten Liquidität in historisch beispiellosem Umfang vorhanden ist. Hat die versorgende Geldpolitik zur Bekämpfung der vergangenen Exzesse die Samen für neue Exzesse und neue Crashes gesät? Wo sehen Sie neue Risiken, die durch die Neuverpackungen der alten Risiken entstanden sind?
Wenn wir über Geldpolitik sprechen, gibt es aktuell zweierlei Risiken. Das erste Risiko...
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Essay
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wurde nach dem Krieg geschaffen, um die Grundrechte der Bürger zu schützen. Heute greift er unverblümt in die Gesetzgebung seiner Mitgliedstaaten ein. Seine Entscheide wirken willkürlich, wie auch die Schweiz zu spüren bekommt. Was tun?
Von Thierry Baudet
Nebst dem Europa in Brüssel, der EU, gibt es noch ein anderes Europa: das Europa des Europarates mit Sitz in Strassburg. Es sind zwei völlig verschiedene Organisationen, die man nicht miteinander verwechseln darf. Der Europarat hat 47 Mitgliedstaaten, die EU 27, bald 28. Der Europarat hat keine Euro-Währung und beschäftigt sich nicht mit dem internen Markt. Zwar hat der Rat einen Commissioner, der Themen traktandieren kann und Rapporte produziert, und er hat einen...
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Lex and the City
Von Mirjam B. Teitler
Simba, das ist meine zehnjährige «Zürcher Sennenhündin». Ebenso alt wie sie ist ihre Beziehung zu ihrem Tierarzt. Doch die ist nun zu Ende – das Zürcher Veterinäramt will es so.
Warum? Nun, ab einem Alter von 70 Jahren sind Tierärzte verpflichtet, alle zwei Jahre ihre Fähigkeit zur Führung einer Praxis mit einem ärztlichen Zeugnis zu attestieren. Simbas Tierarzt ist über 75 Jahre alt. Er reichte fristgerecht ein Gesuch um...
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Freie Sicht
Von Christian P. Hoffmann
Der Kanton Fribourg ist stolz auf die Qualität seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Darunter finden sich schmackhafte Käsesorten wie Vacherin, Greyerzer oder «Bleu de Fribourg», aber auch Butter und Fette. Natürlich möchten die Fribourger Bauern, dass die Schweizer Konsumenten fleissig ihre Produkte kaufen. So weit, so verständlich. Was aber, wenn diverse Produzenten ausländische Palmöle den inländischen Fetten vorziehen? Dann gibt der...
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Gespräch
Resistente Bakterien, Schuldensümpfe, oligarchische Demokratien, nukleare Abfälle: grosse Probleme türmen sich auf. Didier Sornette sucht unerschrocken nach Lösungen. Ein Höllenritt von einem Gespräch mit einem der führenden Risikoforscher durch die Welt der sichtbaren und unsichtbaren Gefahren.
Von René Scheu, Florian Rittmeyer, Didier Sornette
Didier Sornette, photographiert von Giorgio von Arb.
Herr Sornette, wir möchten mit Ihnen über die grössten Probleme und Risiken der aktuellen Zeit sprechen. Beginnen wir mit…
…Europa. Okay?
Ja, klar, wir sitzen ja in der Schweiz sozusagen mittendrin. Schiessen Sie los.
Europa ist zwar noch immer der weltweit grösste Konsument. Was aber sein politisches Gewicht betrifft, befindet es sich auf dem absteigenden Ast. Wir können anhand von Daten messen, wie sich das Baryzentrum des Planeten während der...
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Zur Lage...
Von Markus Fäh, Andreas Oertli
Der Verdruss hat in ganz Europa einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Bürger fühlen sich verraten und verkauft. Von Politikern und ihren Parteien, denen sie noch vor kurzem voller Zuversicht vertraut und ihre Stimme gegeben haben.
Verkauft! In Zypern stehen sie vor geschlossenen Banken, weil sie den Beteuerungen der Politiker, dass ihre Ersparnisse sicher seien, geglaubt haben. Lüge! Heute zahlen sie für das Versagen der sogenannten europäischen Elite.
Verraten! Wer...
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Dossier
Europa schmecken und denken
Von Redaktion
(c) Fotolia
Massen von arbeitslosen Jugendlichen, eine als Spaltpilz wirkende Währung, Schuldensumpf, gestörtes Verhältnis zwischen Paris und Berlin – es ist derzeit ein Leichtes, die Europäische Union als krisenuntaugliches Gebilde zu kritisieren, das irgendwann an den ökonomischen und politischen Realitäten zerschellt. Auch in dieser Zeitschrift wird seit Jahren dezidiert und mit guten Gründen Kritik geübt am intransparenten Machtapparat in...
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Dossier
Eine kulinarische Tour d’Horizon über den «alten» Kontinent
Von Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger, photographiert von Hans-Bernhard Huber (laif).
Man kann über die unglaubliche Vielfalt Europas viel debattieren, reden und schreiben – um sie aber wirklich zu erfahren, sollte man sie nicht zuletzt auch schmecken. Reisen wir also für einmal mit dem Gaumen, schauen in die Töpfe, lupfen manchen Korken – von Helsinki bis Palermo, von Lissabon bis Berlin, von Brüssel bis zum Peloponnes.
Hyvää ruokahalua!
Ein Zeitreisender würde sich die Augen reiben. Was, das soll Helsinki sein? War das nicht...
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Dossier
Grossbritannien will bald über den Verbleib in der EU abstimmen. Zum Glück. Denn damit öffnet sich ein Zeitfenster für eine neue, von unten herauf gebaute europäische Einigung – für ein Europa mit Schweizer Beteiligung.
Von Beat Kappeler
Beat Kappeler, photographiert von Thomas Burla.
Wer sich mit dem europäischen Dogma der Alternativlosigkeit nicht abfinden will, stösst früher oder später auf eine kleine Organisation mit grossem Potential: die EFTA. Die vier Buchstaben stehen für European Free Trade Association und umschreiben letztlich nichts anderes als eine Freihandelszone für Industriegüter, ergänzt durch bilaterale Verträge für die freie Bewegung von Personen, Kapital und viele Dienste. Die EFTA schliesst ein...
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Dossier
Plädoyer für eine raffinierte Mischung aus «mehr Europa» und «weniger Brüssel»
Von Reiner Eichenberger, David Stadelmann
Über die allgemeinen Ziele der Europäischen Union herrscht weitgehend Einigkeit: Die EU soll ein freiheitlicher und friedlicher Wohlstandsraum sein. Sie soll von Vielfalt geprägt sein, denn Vielfalt ist ein Wert an sich sowie Voraussetzung für fruchtbaren Wettbewerb. Die EU soll keine Wohlstandsinsel sein, denn sie profitiert vom Wohlstand ihrer Nachbarn durch Handel, Ideenaustausch und Wettbewerbsdruck. Die EU soll durch nachhaltige Politik auch zukünftigen...
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Dossier
Der starre Nationalstaat in der heutigen Form kann in einer vernetzten Welt immer mehr Probleme nicht mehr lösen. Europa hat das Zeug, sich als Experimentierfeld neuer dynamischer politischer Einheiten zu bewähren. Dafür braucht es freilich Mut – und eine Abkehr von etablierten Institutionen.
Von Bruno S. Frey
Bruno S. Frey, photographiert von Philipp Baer.
Die europäische Einigung baut auf territorialen Nationalstaaten auf – diese Feststellung ist offensichtlich und wird gemeinhin als selbstverständlich betrachtet. So hat der Präsident der Kommission der Europäischen Union (EU), José Manuel Barroso, jüngst einen «Plan für eine Föderation von Nationalstaaten» vorgelegt.1 Ähnlich schlägt die «Zukunftsgruppe» der Aussenminister von EU-Staaten in ihrem Bericht vom...
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Dossier
Als Flüchtling kam der Philosoph Michail Ryklin 2005 aus Russland nach Deutschland. Im Interview erklärt er, was er an Europa schätzt, wie politische Repressionsapparate funktionieren – und warum auch der müde Europäer gut daran tut, seine gesellschaftlichen Freiheiten aktiver zu verteidigen.
Von Michael Wiederstein, Michail Ryklin
Herr Ryklin, Sie sind einer der profiliertesten Intellektuellen Russlands, im Westen bekannt als Kenner der Moskauer Politik. Für einmal will ich aber mit Ihnen über Ihre Wahlheimat reden.
Über Berlin?
Zwei Stufen höher: über Europa. Wir erhoffen uns von Ihnen eine Aussensicht auf den Kontinent. Deshalb zunächst: Wieso sind Sie eigentlich in Deutschland gelandet?
Nun, ganz verlassen habe ich Russland ja nicht. Genau genommen pendle ich zwischen Berlin und Moskau,...
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Ingold x Ingold
Von Simon M. Ingold
Simon und Felix Philipp Ingold, photographiert von Thomas Burla.
Der Kunstbetrieb erschafft sich gerne seine eigene Realität. Das darf er auch und ist sein grosses Privileg. Trotzdem: auch der Kunstbetrieb unterliegt den Gesetzen der Schwerkraft. Das ewige Mantra, den wahren Wert der Kunst an ihrer relativen Randständigkeit zu messen, gleicht dem Versuch, die Gravitation aufzuheben. Es soll deshalb hier explizit gesagt sein: Nur weil viele etwas konsumieren, ist es nicht schlecht; nur weil wenige etwas schätzen, ist es nicht gut....
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Bildessay
Eine photographische Reise an einen Ort unserer Sehnsucht
Von Giorgio von Arb
(c) Giorgio von Arb
Jeder Gedanke ans Meer zieht uns an wie die tiefste Stelle der Badewanne das Wasser, öffnet neue Räume, spült verschüttete frei. Durch kleine Meerzeichen erst wird uns dieses Land grösser, in dem uns oft so kalt ist und so grau. Zwischen Kulissen
leben wir eine bittere und peinliche Sehnsucht nach dem unendlichen Meer in oft so bleichen, kleinen Bildchen, die uns menschlicher erscheinen lassen, betrügbarer aber auch. Dieses Meer hier in der Stadt entblösst...
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Essay
Nicht nur die Schweizer Wirtschaft profitiert von hochqualifizierten Einwanderern, sondern auch
die Literatur. Margrit Zinggeler erklärt, wie man dank ihnen Chur riechen, die Kindheit schmecken,
die Liebe ertasten – und mit der Sprache eine völlig neue Heimat erobern kann.
Von Margrit Zinggeler
Pianistin Rahel Senn und Model Xenia Tchoumitcheva sind
Kolumnistinnen dieses Magazins. Erstere hat einen Schweizer Vater und eine Mutter aus Singapur und sie berichtet über ihre transkulturellen Erfahrungen als Schweizerin auf der ganzen Welt. Xenia Tchoumitcheva macht es ganz ähnlich und beweist gemäss nomen est omen, wie sie als «Fremde» eine Schweizer Staatsbürgerin und erfolgreiche Kosmopolitin mit verschiedenen Sprachen und «Heimaten» wurde....
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Essay
Einige Gedanken zur besonderen Qualität des Fremdseins
Von Francesco Micieli
Francesco Micieli, photographiert von Michael Wiederstein.
Ich nenne mich nicht Schriftsteller. Ich fühle mich auch nicht so. Wie fühlt sich ein Schriftsteller? Ja, sicher, ich habe als Präsident des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz für die Rechte von Schreibenden gekämpft, habe Lobbying betrieben, aber das gesuchte Gefühl hat sich nicht eingestellt. Mein Schriftstellerkollege Kurt Marti schreibt bei Postsendungen die Berufsbezeichnung «Schriftsteller» immer in grossen Lettern über meine Adresse....
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Primärtext
Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: der junge Offizier Larionow möchte dem Vaterland
dienen – und sieht sich nun mit der Frage konfrontiert, wie in der Armee die Menschenwürde zu bewahren sei. Doch der Alltag verändert die Ideale des Humanisten schon bald grundlegend.
Von Michail Schischkin
Michail Schischkin, photographiert von Yvonne Böhler.
«Bogomolov, man hält Sie für den besten Offizier im Regiment. Aber Sie schlagen die Soldaten ja. Das ist doch eine Schweinerei. Es verletzt die Menschenwürde, die Ihre, die meine.»
Erstaunt blickte er mich an.
«Sie sind ein vornehmer, kein dummer Mensch», fuhr ich fort. «Das können Sie doch vor Ihrem Gewissen nicht vertreten, einen Menschen zu schlagen.»
«Mein lieber Larionow», erhielt ich zur Antwort, «Sie haben recht....
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Weltreise
Von Rahel Senn
Hier ist nicht Asien, nicht Europa. Nein: hier ist die Brücke dazwischen. Buchstäblich. Gerade stehe ich – unfreiwillig, denn mein Mietwagen ist stehengeblieben – zwischen zwei Kontinenten, auf der Bosporus-Brücke: der Wind in meinen Haaren weht aus Asien herüber, der Teer unter meinen Füssen, klebend an einer monströsen Stahlkonstruktion, stammt aus Europa. Mehr als 64 Meter unter mir, im Blaugrün des Wassers, verläuft eine uralte Grenze, mein...
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Nacht des Monats
Von Serena Jung
(c) Serena Jung
Wenn ich meine Eltern besuche, kann es passieren, dass beide in der Küche stehen und jeder sein eigenes Süppchen kocht. Wortwörtlich: bei meiner Mutter ist es eine «Habersuppe», bei Vater eine koreanische Brühe mit Algen und Tofu. Sie seien nun mal in dem Alter, in dem der Hunger nach dem Geschmack der Kindheit verlange, und deshalb brauche es zwei Suppen. Das Nostalgieargument schlägt jeden Einwand, also verlasse ich das elterliche Heim stets mehr als gut...
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